Zwei Abende, eine Bühne in der Ditmarsia, fünfzehn Musikstücke von Claudio Monteverdi bis Philip Glass. Am 6. und 7. Juni zeigte das Community Tanztheater der NoBordersCompany sein neues Stück „Krieg. Frieden. Macht. Liebe.“, frei nach Motiven von Leo Tolstois Epos „Krieg und Frieden“. Der Eintritt war frei, der Saal voll, der Stoff alles andere als historisch.
Tolstoi als Echoraum der Gegenwart
Tolstois Roman handelt vom großen Krieg und vom kleinen Frieden dazwischen. Stela Korljan, die für Inszenierung, Choreografie, Dramaturgie und künstlerische Leitung verantwortlich zeichnet, liest ihn nicht als Geschichtsstunde. Sie liest ihn als Spiegel.
Drei Schauplätze legt der Abend übereinander. Kriege zwischen Ländern. Kriege in Familien. Kriege im Kopf. Es geht um Verdrängung, um die Unfähigkeit, miteinander zu sprechen, und um die Frage, was wir aus der Geschichte lernen oder eben nicht lernen. Das Stück verhandelt all das im Hier und Jetzt, dort, wo unschuldige Menschen erneut leiden und Familien auseinandergerissen werden.
Die Figuren tragen keine Namen, sie tragen Kräfte. Der namenlose Soldat verkörpert die Kontinuität militärischer Gewalt. Der Krieg und die Macht stehen für Herrschaft, Kontrolle und Zerstörung. Der Tod begleitet das Geschehen als allgegenwärtige Realität. Frieden und Liebe halten dagegen die Hoffnung auf Versöhnung. Und die spielenden Kinder, Licht und Freude, erinnern an Lebendigkeit und Neubeginn.
Wenn Musik die Sprachlosigkeit hörbar macht
Der Klangteppich ist kein Hintergrund. Er ist Dramaturgie. Unter der musikalischen Leitung von Gabriel Koeppen spannt der Abend einen Bogen von barocker Emotionalität über repetitive Trance bis zu zeitgenössischer Dringlichkeit.
Den emotionalen Kern bilden Monteverdis Madrigale aus dem achten Madrigalbuch, den „Madrigali guerrieri et amorosi“, den Madrigalen über Krieg und Liebe. In Monteverdis stile concitato wird Wut zu Musik. Die barocke Polyphonie, in der Stimmen aneinander vorbeisingen, sich suchen und verfehlen, macht genau das hörbar, worum das ganze Stück kreist, die Unfähigkeit, einander zu erreichen. Philip Glass bringt mit seiner Minimal Music die Unaufhaltsamkeit hinein, das unerbittliche Rad der Geschichte. Und die zeitgenössischen Klanglandschaften von Ran Bagno holen das Publikum aus der historischen Distanz zurück in die heutige Realität von Krieg und Trauma. Getragen wurde dieser Bogen von Sopranistin Frøya Gildberg und Bariton Ansgar Hüning, einstudiert mit Vocal Coach André Eckner.

Profis und Community auf einer Bühne
Das Besondere an diesem Abend war die Konstellation davor. Profis der NoBordersCompany und Laien standen gemeinsam im Spiel, nicht nebeneinander, sondern miteinander. Genau hier liegt der Gedanke des Community Tanztheaters. Bühne entsteht aus Begegnung.
Die tragenden Rollen verkörperten Olivia Shoesmith als Frieden und Liebe, Anaela Dörre als Tod, Jonathan Guevara als namenloser Soldat, Felix Budinger als Krieg und Macht sowie Maike Mira Eidenmüller als Unschuld. Mathea Feldskou Tychsen und Rada Nikolova spielten die Kinder, das Licht und die Freude. Das Community Ensemble bildete den lebendigen Resonanzraum dahinter: Amy Claußen, Tara Dacic, Alina Gazha, Joanna Friedrichs, Fiona Phillip, Liesel Petersmann, Kimberly Plog, Silke Ploog, Svea Schröder, Traute Siebke, Sophia Stehen und Julie Wegmann.
Die Handschrift von Stela Korljan
Stela Korljan, Dozentin am Artrium, führte die vier Ebenen des Abends zusammen, Inszenierung, Choreografie, Dramaturgie und künstlerische Leitung in einer Hand. Aus diesem Stoff einen Abend zu formen, der weder belehrt noch beschwichtigt, ist die eigentliche Arbeit. Sie zeigt, was Regie im Kern bedeutet. Auswahl. Kontext. Haltung.
Studierende des Artrium standen in dieser Produktion mit auf der Bühne. Genau dafür arbeiten wir am Artrium. Aus der Übung wird Ernst, das, was im Training entsteht, trägt vor Publikum. Eine Probe zeigt, was du kannst. Eine Aufführung zeigt, wer du im Moment der Szene wirst.
Ein Abend, der weiterfragt
„Imagine there’s no countries, nothing to kill or die for“, dieser Satz von John Lennon stand über dem Programm. „Krieg. Frieden. Macht. Liebe.“ gibt keine Antwort darauf. Es stellt die Frage präziser. Und es überlässt sie dem Publikum, das nach dem Schlussbild mit ihr nach Hause geht.
Wer Theater nur als Unterhaltung kennt, hat an diesem Abend etwas anderes erlebt. Theater als Auseinandersetzung. Theater, das die Gegenwart aushält.
Künstlerisches Team: Choreografische Assistenz Olivia Shoesmith und Mircea Suciu-Korljan, Dramaturgische Assistenz Anaela Dörre, Fotografie Tilman Köneke und Doro Gross, Videografie Moses Merkle, Maske und Bodypainting Kara Kuckoo. Eine Produktion des Community Tanztheaters der NoBordersCompany, gezeigt am 6. und 7. Juni in der Ditmarsia, Meldorf. Der Eintritt war frei.



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