Über der Bühne der Hamburger Kammerspiele hängen Dutzende Blätter Papier an dünnen Schnüren. Am Boden liegen weitere, zerknüllt, bis in die Gassen. Im Hintergrund steht ein Vollmond in der Projektion. Es sind Manuskriptseiten und sie hängen dort, bevor der erste Satz gesprochen wird.
Am 22. August 2026 zeigten fünf Studierende des Artriums in den Hamburger Kammerspielen „Der Meister und Margarita“, sehr frei nach Michail Bulgakow. Dieser Beitrag beschreibt, woraus dieser Abend gebaut war: aus einem Roman, der verbrannt wurde, aus einer Textfassung, die die Spielenden selbst geschrieben haben, und aus einem Bühnenbild, das aus Papier besteht.

Ein Abend beim dritten Hamburger Schauspielschultreffen

Vom 20. bis 25. August 2026 lief das dritte Hamburger Schauspielschultreffen. Ausgerichtet haben es die Hamburger Kammerspiele, das Altonaer Theater und erstmals das Harburger Theater, gefördert von der Behörde für Kultur und Medien. Eine Woche lang zeigten private Hamburger Schauspielschulen ihre Abschlussarbeiten. Sieben Produktionen an drei Häusern, von „Bookpink“ über „Woyzeck“ und „Die Nashörner“ bis zu „Drei Schwestern“. Das Artrium spielte am Samstagabend in den Kammerspielen.
Der Unterschied zum eigenen Haus liegt in jedem Detail. Eine fremde Bühne mit fremden Maßen. Eine Technik, die man an einem Tag kennenlernt. Ein Publikum, das die Schule nicht kennt und den Abend allein an dem misst, was auf der Bühne passiert. Genau dafür ist das Treffen gemacht. Studierende zeigen ihre Arbeit unter professionellen Bedingungen und vor Fachleuten, bevor sie den ersten Schritt in den Beruf machen.
Ein Roman, der verbrannt wurde und trotzdem überlebt hat
Michail Bulgakow begann 1928/29 mit der Arbeit an dem Buch, das später „Der Meister und Margarita“ heißen sollte. Im Zentrum stand zuerst eine grotesk-satirische Geschichte über den Teufel im zeitgenössischen Moskau. Der Meister und Margarita gehörten zu dieser ersten Anlage noch gar nicht.
1929 verschärfte sich seine Lage. Stücke verschwanden von den Spielplänen, Veröffentlichungen wurden verhindert, er wurde öffentlich angegriffen. Im März 1930 verbrannte er die damalige Fassung seines Romans und schrieb an die sowjetische Regierung. Am 17. April 1930 rief Stalin ihn persönlich an. Kurz darauf bekam Bulgakow eine Anstellung am Moskauer Künstlertheater, seine künstlerische Freiheit blieb weiterhin eingeschränkt.
Aus dem verbrannten Manuskript entstand später eines der stärksten Bilder des Romans. Auch der Meister verbrennt sein Buch und Woland setzt der Vernichtung einen Satz entgegen, der seitdem für sich steht: „Manuskripte brennen nicht.“
1932 heiratete Bulgakow Jelena Sergejewna Schilowskaja, die die jahrelange Arbeit am Roman begleitete und seinen Nachlass bewahrte. 1937 setzte sich der Titel durch. Bulgakow diktierte Korrekturen bis in seine letzten Lebenswochen und starb am 10. März 1940. Sein wichtigstes Buch erschien erst 1966/67 in der Literaturzeitschrift „Moskwa“, zunächst zensiert, mehr als ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod.
Zwei Dämonen treffen auf eine Menschheit, die ihre Apokalypse selbst organisiert

Die Fassung des Artriums liest den Roman als Resonanzraum für die Gegenwart. Ein Autor versucht unter dem Druck von Beschleunigung und Kontrolle, ein Buch zu schreiben, das notwendig wäre. Verbot, Zensur und politische Willkür machen die Veröffentlichung unmöglich. Schreiben wird damit zur Form des Widerstands, zum Versuch, Wahrheit gegen ihre Auslöschung zu behaupten.
In diese Welt treten zwei Dämonen ein und finden eine Menschheit vor, die ihre Apokalypse längst selbst betreibt. Woland ist in dieser Fassung eine gereifte Teufelin und angesichts der menschlichen Fähigkeit zur Selbstvernichtung gerät ihr eigenes Prinzip in eine Krise. Wozu noch Teufel sein, wenn die Menschen die Aufgabe bereits übernommen haben?
Daraus entsteht der tragikomische Kern des Abends. Das Dämonische wird zum Spiegel einer Gesellschaft, die ihre eigenen Abgründe hervorbringt. Sicher ist dabei nichts. Die Wirklichkeit nicht, die Vernunft schon gar nicht und die geschützte Position des Publikums am allerwenigsten.
Das Manuskript ist der Raum

Das Bühnenbild besteht aus dem, worum der Abend kreist. Papier hängt an Schnüren über der gesamten Spielfläche, Papier liegt am Boden, Papier wird geworfen, zerrissen, aufgesammelt. Dazu zwei Spiegeltreppen, eine große und eine kleine Holzleiter, Holzbänke aus dem Dachboden des Artriums, ein Tisch, ein Hocker.
Den Hintergrund trägt eine Projektion, die den ganzen Abend über eine einzige Aufgabe hat: den Himmel zu zeigen. Fast durchgehend steht dort ein Vollmond. In den fünf Auftritten des Chors wechselt er zu einer blutroten Sonne. Zwei Bilder, mehr braucht dieser Raum nicht.
Die Farben liegen im Licht. Kaltes, fast überblendetes Weiß für die Szenen, in denen Woland spricht. Dimmriges Mondlicht für die Nachtszenen. Orange und Rot für Jerschalaim. Violett für die Bilder, in denen alles zugleich passiert.
Fünf Studierende mit jeweils mehreren Aufgaben

Auf der Bühne standen Jana Helmert als Woland, Antje Schröder als Margarita, Johannes Raatz als Iwan Besdomny, Savannah Robold als Behemoth und Aurelie Zippel als Korowjew. Antje Schröder, Aurelie Zippel und Savannah Robold absolvieren ihre Schauspielausbildung in Vollzeit, Jana Helmert und Johannes Raatz berufsbegleitend.
Die eigentliche Besonderheit dieser Produktion beginnt hinter der Rolle. Die Textfassung stammt von denselben fünf Menschen, die sie am Abend gesprochen haben. Antje Schröder hat zusätzlich die musikalische Leitung des Chors übernommen, Jana Helmert das Bühnenbild, Aurelie Zippel gemeinsam mit Greta Boller die Kostüme und gemeinsam mit Maike Eidenmüller die Maske, Savannah Robold die Dramaturgie.
Produziert hat Uta Scheja. Regie, Schauspielcoaching und die Endfassung des Textes lagen bei Lukas Scheja.
Wer eine Rolle spielt und gleichzeitig den Text dazu schreibt, arbeitet an zwei Enden derselben Sache. Der Satz muss im Mund funktionieren und auf dem Papier stehen können. Diese Doppelarbeit ist anstrengend und sie ist der schnellste Weg zu einem Verständnis davon, wie ein Theaterabend tatsächlich entsteht.
Der Meister heißt hier Iwan
Bulgakow trennt zwei Figuren: den Dichter Iwan Besdomny und den Meister, dessen Roman über Pontius Pilatus verbrannt wird. Die Artrium-Fassung legt beide übereinander. Iwan Besdomny ist hier der Autor, er schreibt den Pilatus-Roman, er verbrennt ihn und an drei Stellen des Textes trägt seine Sprecherzeile den Namen Meister.
Darunter liegt eine dritte Ebene. Margarita spricht ihn zweimal mit „Mischa“ an, er nennt sie „Elena“. In diesen Momenten sprechen Michail Bulgakow und Jelena Sergejewna durch die Figuren hindurch. Der Satz, den Margarita erinnert, stammt aus dieser Verschränkung: „Elena, das ist für die Ewigkeit geschrieben. Du musst durchhalten.“
Damit erzählt der Abend die Entstehung des Romans mit, ohne sie zu erklären. Die Biografie des Autors und die Handlung seines Buches liegen im selben Körper.
Fünf Auftritte für eine zweitausend Jahre alte Hinrichtung
Die Erzählung von der Hinrichtung Jeschuas in Jerschalaim unter Pontius Pilatus durchzieht den Abend in fünf chorischen Auftritten. Alle fünf Spielenden stehen dann gemeinsam auf der Bühne, in Ledermänteln, im gleißenden Zusammenspiel aus Orange und Rot, während hinten die blutrote Sonne steht.
Der Chor steht mitten im Geschehen. Er erzeugt eine vielstimmige Wirklichkeit, in der individuelle Erfahrung, historisches Gedächtnis und kollektive Verantwortung aufeinandertreffen. Gewalt erscheint darin als wiederkehrende Struktur, die sich in immer neuen politischen und ästhetischen Formen fortschreibt. Der Prozess, das Todesurteil, die Hinrichtung, das Gewitter danach und schließlich der Traum des Prokurators auf einer mondbeschienenen Treppe. Fünf Stationen, verteilt über den ganzen Abend.
Das Publikum wird in diese instabile Ordnung einbezogen. Eine eindeutige Wahrheit bietet der Abend nicht an und die beruhigende Distanz des bloßen Zuschauens ebenso wenig.
Kontrabass, Trommeln und ein Raum aus Klang

Die Musik entstand live auf der Bühne. Javier Sánchez Pérez spielte Kontrabass, Elva La Guardia Perkussion. Beide arbeiten seit Jahren an der Verbindung von Flamenco und Jazz. Javier Sánchez Pérez studierte am Berklee College of Music. In Hamburg arbeitet er an einem Flamenco-Jazz-Projekt mit der NDR Bigband. Elva La Guardia hat mit „Flamenco meets Jazz“ ebenfalls mit der NDR Bigband gearbeitet und war als Choreografin für Theater und Film tätig.
Dazu kam das räumliche Sounddesign von David Wilson und Lukas Heidgen: kosmische Klänge, archetypische Urlaute, eine Eiszeit, mit der das Publikum den Saal betritt. Schlaginstrumente, Kontrabass und Zuspielung bilden gemeinsam eine eigene akustische Welt, die die menschliche Existenz in einen sehr großen Maßstab setzt. Klein und lächerlich, verletzlich und dabei von erschütternder Schönheit. Tragik und Komik durchdringen sich.
Wie der Abend gebaut ist

Die Regiefassung umfasst einen Prolog, fünf Akte mit zwanzig Szenen und einen Epilog. Die Szenentitel zeigen die Handschrift dieser Textarbeit: „MeteoritenRitt“, „MenschenMensch“, „Höllenreigen“, „PanDämonium“, „TalentGuillotine“, „Künstlerische Intelligenz“, „VinceTeIpsum“, „Magisterium“, „AsperaAdAstra“, „Satanika Infernalis“.
Die Pause sitzt an der entscheidenden Stelle. Sie folgt auf die Szene, in der der Roman verbrannt wird. Wer nach der Pause zurückkommt, kommt in eine Welt zurück, in der das Buch bereits vernichtet ist. Der vierte Akt beginnt danach mit der Frage, was Kunst heute überhaupt noch ist.
Am Ende bedanken sich die beiden Dämonen beim Publikum. Die Rede klingt wie eine Kündigung aus der Personalabteilung. Sie danken für die „nachhaltige Zusammenarbeit“ und die „effiziente Abwicklung“. Sie stellen fest, dass ihre Arbeit durch die Erfolge der Menschheit überflüssig geworden ist. Und sie entlassen alle Anwesenden in einen wohlverdienten Ruhestand. Zurück bleibt eine Welt, deren Untergang von den Menschen selbst betrieben wird. Die Frage des Abends lautet damit, wann wir aufgehört haben, das Böse außerhalb unserer eigenen Entscheidungen zu suchen.
Was so ein Abend in einer Ausbildung bedeutet
Eine Rolle lernst du im Unterricht. Einen Abend lernst du nur, indem du ihn baust.
Zwischen der ersten Textidee und dem Applaus in den Kammerspielen liegen Szenen, die verworfen wurden, Kostüme, die genäht werden mussten, Lichtstimmungen, die im fremden Haus neu eingerichtet wurden, und ein Chor, der fünfmal genau zusammen sein muss. Nichts davon steht auf einem Stundenplan. Alles davon entscheidet, ob der Abend trägt.
Genau das ist der Grund, wieso Projekte wie dieses zur Ausbildung gehören. Du entwickelst Handwerk im Raum, du entwickelst Haltung an der Sache und du erlebst schließlich sogar, dass eine Gruppe mehr kann als die Summe ihrer fünf Rollen. Was Menschen in einer solchen Produktion über Monate entwickeln, lässt sich nicht planen. Es lässt sich nur ermöglichen.
Weitere Aufführungen dieser Inszenierung sind in Planung.
Die Beteiligten

„Meister & Margarita“, sehr frei nach Michail Bulgakow
Produktion: Uta Scheja
Regie, Schauspielcoach, Text-Endfassung: Lukas Scheja
Dramaturgie: Savannah Robold
Textfassung: Antje Schröder, Aurelie Zippel, Jana Helmert, Johannes Raatz, Savannah Robold
Musikalische Leitung Chor: Antje Schröder
Bühnenbild: Jana Helmert
Art-Department: Larissa Tarnow, Charlotte Meß
Art-Department Assistenz: Béla Dunn, Michelle Choitz, Maike Eidenmüller
Kostüm: Aurelie Zippel, Greta Boller
Maske: Aurelie Zippel, Maike Eidenmüller
Licht: Anasztazia Strezenacz
Musik: Javier Sánchez Pérez, Elva La Guardia
Sound Design: David Wilson, Lukas Heidgen
Auf der Bühne:
Antje Schröder als Margarita
Aurelie Zippel als Korowjew
Jana Helmert als Woland
Johannes Raatz als Iwan Besdomny
Savannah Robold als Behemoth
Fotos: Lukas Scheja
Wann und wo du das Artrium als Nächstes erleben kannst, steht in unserem Veranstaltungskalender. Wenn du sehen möchtest, wie hier gearbeitet wird, bevor solche Abende entstehen, komm für einen Gasttag vorbei.