Eine Szene läuft, und dein Spielpartner sagt einen Satz, der nirgends im Text steht. Dein Kopf hat jetzt zwei Wege. Er hält an dem fest, was du dir vorgenommen hast, oder er nimmt den Satz und baut damit weiter. Improvisation im Schauspiel entscheidet sich in dieser halben Sekunde. Sie ist die Fähigkeit, das anzunehmen, was tatsächlich im Raum geschieht, und ihm eine Fortsetzung zu geben. Zwei Bewegungen, mehr braucht das Grundprinzip nicht. Annehmen. Weiterführen. Wer beides beherrscht, spielt auch mit festem Text lebendiger, weil der Text dann lediglich die äußere Form ist und die Begegnung darunter frei bleibt. Gebraucht wird diese Fähigkeit früher, als die meisten denken. In der Probe, wenn eine Szene sich anders entwickelt als besprochen. Beim Casting, wenn die Regie dich mitten im Text in eine andere Richtung schickt. In der Aufnahmeprüfung, wenn nach dem vorbereiteten Monolog eine freie Aufgabe kommt.
Improvisation beginnt bei dem, was dein Partner anbietet
Im Improvisationstheater nennt man jede Handlung und jede Äußerung, die sich an den Mitspieler richtet, ein Angebot. „Schön, dass du endlich da bist.“ „Halt mal die Leiter.“ Auch ohne Worte geht es. Ein Blick, der eine Sekunde zu lang dauert, ist ebenfalls ein Angebot. Ein Angebot gilt in dem Moment als wahr, in dem es im Raum steht. Nennt dein Gegenüber dich Papa, bist du Papa. Die Frage ist geklärt, das Spiel ist eröffnet.
Annehmen heißt, diese Behauptung stehen zu lassen und mit ihr zu arbeiten. Das klingt einfach und ist die Stelle, an der die meisten Szenen sterben. Der Fachbegriff für das Gegenteil lautet blockieren. Du schlägst das Angebot aus, überhörst es oder redest es klein, und die gemeinsame Grundlage ist weg. „Ich habe uns zwei Karten für heute Abend besorgt.“ „Wir kennen uns doch gar nicht.“ Zwei Sätze, und die Szene steht still.
Geblockt wird selten aus Bosheit. Es passiert aus dem Bedürfnis, die Kontrolle zu behalten. Solange du bestimmst, wohin die Szene läuft, bleibt alles im Rahmen deiner eigenen Ideen. Genau diese Sicherheit kostet dich das Spiel. Wahrnehmen kommt vor Erfinden, und beides gleichzeitig geht schlecht.
Annehmen ist dabei mehr als ein Ja im Kopf. Es zeigt sich im Körper. Im Blick, in der Haltung, im Tempo deiner Zuwendung. Ein zugewandter Oberkörper nimmt an, bevor der erste Satz fällt. Deshalb merken Zuschauende sofort, wenn jemand die Worte übernimmt und innerlich woanders bleibt.
Die Aufmerksamkeit, die dafür nötig ist, lässt sich trainieren. Ähnlich arbeitet auch die Meisner-Technik mit ihrer Wiederholungsübung, in der die ganze Aufmerksamkeit zum Gegenüber wandert.
Was du annimmst, gehört ab diesem Moment euch beiden.
Weiterführen heißt, dem Angebot Gewicht zu geben
Mit dem Annehmen ist die halbe Arbeit getan. Die zweite Bewegung fügt dem Angebot etwas hinzu. Aus dem Ja wird ein Ja, und.
„Du bist ja völlig durchnässt.“ „Ich bin gerannt, seit ich deine Nachricht gelesen habe.“ Damit steht eine Dringlichkeit im Raum, die vorher niemand geplant hatte. Der nächste Satz hat jetzt etwas, woran er andocken kann. Die meisten Improvisationstechniken kreisen um diese eine Frage. Was macht dein Zusatz aus der Situation?
Der Zusatz darf dabei ruhig klein bleiben. Wenn jede Antwort einen Weltuntergang mitbringt, kippt die Szene ins Behaupten, und für den Partner bleibt nichts zu tun. Ein Detail trägt weiter als eine Sensation. Ein Name. Ein Geräusch im Nebenzimmer. Eine Bemerkung über das Wetter von gestern. Aus solchen Kleinigkeiten baut sich eine Welt, in der zwei Menschen etwas voneinander wollen.
Wer weiterführt, entscheidet. Und jede Entscheidung schafft Wirklichkeit für alle, die mitspielen.
Improvisationstheater ist die Bühnenform, Improvisation im Unterricht ist das Handwerk
Improvisationstheater bezeichnet eine Theaterform, in der dramatische Szenen ohne geschriebenen Dialog und mit wenig oder gar keiner vorher festgelegten Handlung entstehen. Meist gibt das Publikum ein Thema oder einen Vorschlag, häufig begleitet ein Musiker das Geschehen und improvisiert seinerseits mit. Umgangssprachlich heißt die Form Improtheater, oft auch Impro-Theater geschrieben.
Improvisiert wurde lange, bevor es dafür einen Namen gab. In der Commedia dell’arte spielten die Truppen nach Szenarien, die nur den Ablauf festhielten. Die Dialoge entstanden im Spiel. In den 1940er Jahren entwickelte die Amerikanerin Viola Spolin Improvisationstechniken und Improspiele. 1955 entstand in Chicago The Compass, gegründet von David Shepherd und geleitet von Viola Spolins Sohn Paul Sills. Sie gilt als wahrscheinlich früheste Improvisationstheatergruppe im heutigen Sinne. In den 1970er Jahren schuf Keith Johnstone in England das Konzept Theatersport und gründete in Kanada das Loose-Moose-Theater, das bis heute besteht. Del Close legte mit dem Harold die erste Langform fest und machte damit abendfüllende Formate möglich.
Nach Länge sortiert sich das Feld in zwei Gruppen. Kurzformen dauern wenige Minuten und arbeiten mit Spielen, die eine klare Regel haben. Langformen laufen fünfzehn bis zwanzig Minuten und länger, mit wiederkehrenden Figuren und verwobenen Strängen. Beim Theatersport treten zwei Mannschaften in Disziplinen gegeneinander an und spielen um die Gunst des Publikums.
Bekannt geworden ist die Form über das Fernsehen. Die britische Show Whose Line Is It Anyway? lief von 1988 bis 1999 auf Channel 4 und arbeitete mit Kurzformen, im deutschen Fernsehen folgten Frei Schnauze und die Schillerstraße demselben Prinzip. Aus dem Fundus des Improvisationstheaters bedient sich inzwischen auch die angewandte Improvisation in Training, Beratung und Personalentwicklung.
Eine Haltung fällt dabei allen auf, die zum ersten Mal zuschauen. Das Scheitern ist eingeplant. Im Improvisationstheater gilt eine Ästhetik des Imperfekten, und ein Rahmen wie der Theatersport fängt schwache Szenen auf, weil Verlieren zum Ereignis gehört. Für das Lernen ist das der eigentliche Gewinn.
Aus Keith Johnstones Arbeit stammt außerdem ein Begriff, der weit über das Improvisationstheater hinaus wirkt. Status. Er versteht darunter etwas, das eine Figur tut, unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Rang. Zwischen zwei Figuren zeigt sich immer ein Gefälle, und wer dieses Gefälle bewusst spielen kann, belebt jede Begegnung.
Auf der Bühne ist der Improvisationsabend das fertige Werk. Im Unterricht dient dieselbe Arbeit einem anderen Zweck. Sie baut die Fähigkeiten auf, die später jede Rolle mit festem Text tragen.
Vier Übungen, die Annehmen und Weiterführen trainieren
Die bekannten Improvisationstheater-Übungen kommen ohne Ausstattung aus. Zwei Menschen und ein wenig Platz genügen.
Die Ja-und-Kette. Du baust mit deinem Gegenüber abwechselnd an einer Situation, und jeder Beitrag beginnt damit, den letzten aufzunehmen. Erst wiederholst du sinngemäß, was gerade gesagt wurde, dann hängst du einen Zusatz an. Der Reiz liegt darin, wie schnell die eigene Idee unwichtig wird. Nach zwei Minuten steht eine Geschichte, die niemand allein erfunden hätte.
Die Ein-Wort-Geschichte. Vier oder fünf Spielende stehen in einer Reihe, das Publikum gibt den Titel vor, und die Geschichte entsteht Wort für Wort der Reihe nach. Jeder steuert genau ein Wort bei. Wer einen ganzen Satz plant, hat ihn nach dem nächsten Wort schon verloren.
Der Statuswechsel. Spiel eine alltägliche Situation mit deutlichem Gefälle, etwa eine Anmeldung beim Amt, und tausch auf ein verabredetes Zeichen die Positionen. Sichtbar wird das an Körper, Blick und Tempo, lange bevor es ein Satz erklärt. Am meisten bringt sie im zweiten Durchgang, wenn allein der Status sich ändert und der Dialog gleich bleibt.
Drei Vorgaben. Lass dir Ort, Beziehung und einen Gegenstand zurufen und beginn sofort, ohne Absprache und ohne Denkpause. Diese Impro-Übung trainiert den Start ohne Anlauf, und genau der fällt am Anfang am schwersten. Verabrede vorher, dass die ersten dreißig Sekunden nichts Kluges enthalten müssen.
Solche Improvisationsübungen sehen nach Spiel aus und fordern viel. Sie machen sichtbar, wie oft du planst, während dein Partner spricht. Fünfzehn Minuten zu zweit bringen mehr als eine Stunde allein, weil das Angebot des anderen den Kern der Sache ausmacht. Und sie brauchen jemanden, der hinterher benennt, was passiert ist. Ohne diesen Blick von außen wiederholst du zuverlässig deine Gewohnheiten.
Improvisation macht die Figur beweglich
Eine Figur, die ausschließlich am Schreibtisch entsteht, bleibt eine Behauptung. Sie hat Eigenschaften, die du benennen kannst. Überraschen wird sie dich selten. Improvisation dreht die Richtung um. Du spielst die Figur in Situationen, die im Stück gar nicht vorkommen. Beim Warten. Beim Streit um eine Kleinigkeit. Beim Versuch, jemanden loszuwerden, ohne unhöflich zu sein.
Was dabei entsteht, nimmst du mit zurück in den Text. Plötzlich weißt du, wie diese Figur wartet, wie laut sie wird und an welcher Stelle sie ausweicht. Entscheidungen aus solchen Szenen halten der Probe stand, weil sie aus Verhalten stammen. Die Arbeit an einem einzelnen Text profitiert davon unmittelbar, wie der Weg vom Monolog zur lebendigen Figur zeigt. Auch Michael Tschechows psychologische Geste setzt an dieser Stelle an, mit der Imagination als Ausgangspunkt.
Vor der Kamera zeigt sich der Nutzen besonders deutlich. Zwischen zwei Takes ändert sich eine Anweisung, und die Figur muss binnen Sekunden anders wollen. Wer nur eine einzige Fassung ihrer Figur gebaut hat, verliert in diesem Moment den Boden.
Präsenz entsteht, wenn du nichts mehr vorbereiten kannst
Präsenz lässt sich schwer üben, solange du weißt, was als Nächstes kommt. Improvisation nimmt dir diese Sicherheit ab. Es bleibt nur der Mensch gegenüber und das, was gerade zwischen euch geschieht. Wer dort ein paar Mal war, erkennt den Zustand später auch in einer geprobten Szene wieder.
Nebenbei verschiebt sich dabei die Aufregung. Wer improvisiert, hat keine Kapazität mehr für die Frage, wie er gerade wirkt. Die Aufmerksamkeit geht nach außen, und genau dort gehört sie auf jeder Bühne hin.
Das Publikum spürt den Unterschied sofort, ohne ihn benennen zu können. Woran das liegt, steht ausführlicher im Beitrag darüber, wieso das Publikum merkt, wenn du hauptsächlich dich selbst spielst.
Am Artrium gehört Improvisationsarbeit ins Vorbereitungssemester
Im sechsmonatigen Vorbereitungssemester steht Improvisationsarbeit neben Schauspiel, Phonetik, Gesang und Bewegung auf dem Plan. Das hat einen sehr praktischen Grund. Die Aufnahmeprüfungen der staatlichen Schauspielschulen enthalten in den späteren Runden Improvisationsaufgaben, neben dem Lied und den stimmlichen und körperlichen Tests.
In der Schauspielausbildung trainierst du danach unter anderem Schauspiel und Szenenarbeit, Körper und Bewegung, Sprechen und Stimme, Bühnenkampf sowie Regie- und Ensemble-Arbeit. Wer über Monate mit denselben Menschen auf der Bühne steht, traut sich Angebote zu, die im ersten Semester noch undenkbar waren. Wir erleben dabei mit, wie aus vorsichtigem Anbieten ein gemeinsames Spiel wird.
Wer die Arbeitsweise erst einmal ausprobieren will, findet in der Seminarakademie die offenen Formate, darunter den Schauspielworkshop an einem Wochenende.
Die Reihe zu den Schauspielmethoden
Improvisation zieht sich durch die ganze Theatergeschichte. Sie beginnt beim antiken Theater und Aristoteles, wird bei den Stegreiftruppen der Renaissance zur eigenen Kunst, trifft im elisabethanischen Theater auf eine neue Sprache und bekommt mit Konstantin Stanislawskis System ihre erste systematische Grundlage. Aus dieser Linie entstanden später Method Acting und die Arbeit am Verhalten im Moment.
Fragen und Antworten
Vier Fragen kommen zur Improvisation immer wieder.
Was bedeutet Improvisation im Schauspiel?
Sie bedeutet, ohne festgelegten Text und ohne festgelegte Handlung zu spielen und dabei zwei Bewegungen zu beherrschen. Du nimmst an, was dein Gegenüber anbietet, und du führst es weiter. Beides zusammen hält eine Szene lebendig, auch später mit Text.
Was unterscheidet Improvisationstheater vom Schauspielunterricht?
Improvisationstheater ist eine eigene Bühnenform mit Publikum, Vorschlägen aus dem Saal und festen Formaten wie Theatersport. Im Schauspielunterricht führt dasselbe freie Spiel zur Rolle hin. Es schult Wahrnehmung, Beweglichkeit und den Umgang mit dem, was ungeplant passiert.
Kann man Improvisation lernen?
Ja, und zwar in kleinen Schritten. Die Grundlagen sind Wahrnehmung, Annehmen und Weiterführen, alle drei lassen sich üben wie Handwerk. Wie sich das über fünf Tage anfühlt, erlebst du in der Probewoche.
Welche Übungen eignen sich für den Anfang?
Die Ja-und-Kette und die Ein-Wort-Geschichte, beide zu zweit oder in einer kleinen Gruppe. Sie brauchen nichts außer Aufmerksamkeit und zeigen sofort, wo dein Kopf schon beim nächsten Satz ist. Am Gasttag trainierst du einen Tag lang mit den Studierenden mit.