Eine Hand greift in die Luft und zieht etwas zu sich heran. Langsam, mit vollem Gewicht, aus der Mitte des Körpers heraus. Die Bewegung dauert drei Sekunden. Wer sie oft genug geübt hat, trägt danach eine Figur in sich, die greift, selbst wenn sie ruhig dasteht und über das Wetter spricht. Michael Tschechow nannte diese Bewegung die psychologische Geste, und er hielt sie für das Werkzeug, das aus einer gedachten Rolle einen lebendigen Menschen macht. Sein Satz dazu ist von einer schlichten Radikalität. „Körper und Seele des Menschen beeinflussen sich gegenseitig und ständig.“
Michael Tschechow lernte bei Konstantin Stanislawski und fand einen eigenen Weg
Michael Alexandrowitsch Tschechow lebte von 1891 bis 1955. Er war Schauspieler, Regisseur und Autor, ein Neffe des Schriftstellers Anton Tschechow. Durch seinen Vater Alexander Tschechow kam er früh zur russischen Literatur und zur Philosophie Schopenhauers und Nietzsches. Mit sechzehn ging er an die Theaterschule Seweryns, die er 1910 abschloss. Anderthalb Jahre später stand er am Petersburger Malyj-Theater auf der Bühne.
1911 holte ihn Konstantin Stanislawski ans Moskauer Künstlertheater, damals das bedeutendste Haus Russlands. Dort arbeiteten die wichtigsten Köpfe der russischen Theateravantgarde. Für seine künstlerische Entwicklung wurde einer von ihnen noch wichtiger als Konstantin Stanislawski selbst, nämlich Jewgeni Wachtangow. Mit ihm verband ihn eine enge Freundschaft und jahrelange gemeinsame Arbeit. Als Jewgeni Wachtangow 1922 starb, übernahm er die künstlerische Leitung des Ersten Studios, jener Werkstatt, in der junge Schauspieler neue Ideen erproben sollten.
Auf einer Gastspielreise begegnete er dem Philosophen Rudolf Steiner. Die Anthroposophie wurde für ihn eine große Inspirationsquelle, und sie wurde ihm später gefährlich. Unter der Zensur nach der Russischen Revolution galten seine Produktionen als reaktionär und antisowjetisch, seine offen bekundete spirituelle Haltung stand gegen die herrschende Ideologie. Am Vorabend seiner geplanten Festnahme floh er 1928 mit seiner zweiten Ehefrau nach Berlin.
Danach ein Leben in Etappen. Wien und Berlin, dann Paris, wo er mit einem eigenen russischen Theater wenig Erfolg hatte. 1932 arbeitete er in Riga und Kaunas als Schauspieler und Regisseur und gab dort Schauspielkurse. Durch die junge Schauspielerin Beatrice Straight kam er nach England und übernahm die Leitung des Theaters auf dem Landsitz Dartington Hall in Devonshire. 1936 eröffnete dort The Chekhov Theatre Studio. Zum ersten Mal seit dem Verlassen Russlands konnte er sich ganz seiner Methode widmen. Der Zweite Weltkrieg beendete die Arbeit, 1939 zog das Studio nach Ridgefield in die USA.
In Hollywood fand er schließlich einen Ort zum Unterrichten, zum Spielen und zum Schreiben. In den USA schrieb er sich Michael Chekhov, und unter dieser Schreibweise ist seine Technik im englischen Sprachraum bis heute bekannt. Zu seinen Schülern gehörten Ingrid Bergman, Gregory Peck, Marilyn Monroe und Anthony Quinn, außerdem Robert Lewis, der später das Actors Studio in New York mitgründete. Er selbst spielte unter Alfred Hitchcock, seine Rolle als Psychiater in „Ich kämpfe um dich“ von 1945 brachte ihm eine Oscar-Nominierung als bester Nebendarsteller ein. 1953 erschien sein Buch „To the Actor“, auf Deutsch bekannt als „Werkgeheimnisse der Schauspielkunst“. Der Verlag stimmte der Veröffentlichung erst zu, nachdem er alle Bezüge zur Anthroposophie gestrichen hatte.
Die psychologische Geste ist die Bewegung, die eine ganze Figur trägt
Eine Figur hat einen Grundimpuls. Sie zieht an sich, sie stößt weg, sie hält fest. Michael Tschechow entwickelte die psychologische Geste, damit dieser Impuls einen körperlichen Ausdruck bekommt, den du üben kannst. Du suchst eine einzige große Bewegung, die den ganzen Charakter fasst. Dann führst du sie mit dem ganzen Körper aus, langsam und mit klarer Richtung, bis sie in dir sitzt.
Auf der Bühne siehst du diese Bewegung dann nirgends. Sie arbeitet unter allem, was sichtbar ist, und sie färbt jeden Schritt und jeden Satz. Michael Tschechow hat dafür ein Bild gewählt, das die Sache genau trifft. „Die psychologische Geste ist dein technisches Geheimnis. Auch die Konzeption und der Plan eines Gebäudes bleiben dem Betrachter dessen im Verborgenen.“
Damit sie trägt, muss sie groß sein. Archetypisch, sagt er, und deshalb stark. Kraft und Anspannung fallen dabei auseinander, denn ein verkrampfter Arm bewegt weniger als ein freier. „Wahre Kraft hat nichts zu tun mit Verkrampfung.“ Diesen Satz hört man in Trainingsräumen selten, und er beschreibt die halbe Arbeit.
Der praktische Wert liegt in der Wiederholbarkeit. Eine Geste, die du im Körper hast, steht dir jederzeit zur Verfügung. Sie trägt bei der dreißigsten Vorstellung, nach einem langen Drehtag, unter einer Aufregung, die dir den Kopf leerräumt. Er hat das nüchtern formuliert. „Wenn du eine psychologische Geste geübt hast, bleibt sie dir während des Spiels immer irgendwie gegenwärtig. Sie versagt nie, wenn du Inspiration nötig hast.“
Das Geheimnis liegt im Körper. Dort bleibt es dir auch an einem müden Abend erhalten.
Die Figur erscheint zuerst vor deinem inneren Auge
Michael Tschechows Weg zur Rolle beginnt in der Imagination. Durch Konzentrationsübungen wird das Denken zum bildhaften Erleben gesteigert, bis die Bühnenfigur vor deinem inneren Auge erscheint. Sie hat dann ein Gesicht, einen Gang, ein Tempo, eine Art, den Kopf zu drehen.
Und dann geschieht das Merkwürdige, das seine Methode von reiner Analyse trennt. Das Bild gewinnt ein Eigenleben. Es tritt in einen Dialog mit dir. Es zeigt dir Dinge über die Figur, die du dir nie ausgedacht hättest, und daraus entsteht die weitere Ausgestaltung der Rolle. Er legte besonderen Wert darauf, dass du auf diesem Weg die Schatzkammer deines Unterbewusstseins anzapfst.
Diese Bilder kommen unfertig. Sie warten auf Arbeit, und er hat seine Schüler ausdrücklich davor gewarnt, auf ein fertiges Bild zu hoffen. „Während du an einer Rolle arbeitest, werden visionäre Bilder keineswegs voll entwickelt und ausgeprägt auf dich zukommen. Um ihnen befriedigende Ausdruckskraft zu geben, bedürfen sie deiner aktiven Mitarbeit.“
Hier schließt sich der Kreis zur Körperarbeit. Das Bild braucht einen Körper, der es aufnehmen kann, und dieser Körper wird trainiert. Er verlangte einen Körper, der zu einer empfindsamen Membran wird, zu einem Empfänger und Sender der Bilder und Empfindungen. Ein flexibler, wohltrainierter Körper und eine versierte Sprechtechnik erlauben dir außerdem, verschiedene Tempi in einer Szene gleichzeitig zu führen. Du siehst die Figur. Du nimmst sie auf. Du gibst ihr deinen Körper.
Atmosphäre ist der Stoff, in dem eine Szene spielt
Schauspiel entfaltet sich in keinem leeren Raum. Ein Wartezimmer um vier Uhr morgens. Ein Sommerabend auf einer Veranda. Ein Verhörraum. Jede Szene hat ihre eigene Atmosphäre, und Michael Tschechow behandelte diese Atmosphäre als etwas Objektives. Sie ist eine überpersönliche Empfindungssphäre und verbindet das Spiel aller Beteiligten zu einem harmonischen Ganzen.
Das gilt auch für den Raum, in dem geübt wird. Unsere Probenräume liegen in einem denkmalgeschützten Backsteinbau von 1891/92, und ein solcher Raum bringt seine eigene Atmosphäre schon mit. Das ist eine Anweisung mit Folgen für die Probe. Wer die Atmosphäre erst nimmt, wenn Licht und Bühnenbild fertig sind, arbeitet lange ohne sie. Wer sie von Anfang an mitspielt, bekommt ein Ensemble, das gemeinsam atmet. Auch für den einzelnen Menschen auf der Bühne verändert sich damit die Aufgabe. Die Atmosphäre trägt dich, und sie formt dein Spiel sogar dann, wenn du gerade nichts sagst.
Ein Zusatz von Michael Tschechow, der viel über sein Menschenbild verrät. „Gewöhne dich daran, alle überflüssige Kritik, sowohl im Leben als auch auf der Bühne, zu lassen.“
Michael Tschechows Technik und Method Acting arbeiten mit verschiedenem Material
Beide Wege beginnen bei Konstantin Stanislawski, dessen System die Grundlage für fast alles bildet, was danach kam. Wie dieses System entstand, liest du im Beitrag über die Stanislawski-Methode.
Der Unterschied liegt im Material, mit dem gearbeitet wird. In der amerikanischen Linie um Lee Strasberg steht die persönliche Erinnerung im Zentrum, das eigene Erlebte wird zum Rohstoff der Rolle. Was daraus wurde, steht im Beitrag über Method Acting. Michael Tschechow ging in die andere Richtung. Sein Rohstoff ist die Imagination. Er sucht ein Bild ausdrücklich außerhalb der eigenen Biografie, und die Brücke dorthin baut der Körper. Die Figur bleibt dabei ein Gegenüber, mit dem du sprichst.
Eine dritte Linie desselben Stammbaums richtet die Aufmerksamkeit ganz auf den Spielpartner, nachzulesen im Beitrag über die Meisner-Technik. Drei Schüler einer Quelle, drei Antworten auf dieselbe Frage.
Im Artrium gehört Michael Tschechow zum Fundament der Ausbildung
Lukas Scheja hat für die Ausbildung im Artrium einen Leitfaden zu den grundlegenden Schauspielmethoden zusammengestellt. Er führt durch siebzehn Wege der Schauspielkunst. Michael Tschechow steht darin als zehntes Kapitel, zwischen Bertolt Brecht und Antonin Artaud. In der Ausbildung beziehen wir uns direkt und in besonderer Weise auf Konstantin Stanislawski und sein Verständnis der darstellenden Kunst. Die Tschechow-Methode gehört zu den Wegen, die aus diesem Verständnis eine eigene Praxis gemacht haben.
Über eine Geste zu lesen, hat eine natürliche Grenze. Sie zeigt sich in dem Moment, in dem du selbst im Raum stehst. Du wiederholst eine Bewegung viermal und merkst beim fünften Mal, dass sich etwas an deinem Atem verändert hat. Zuerst führst du die Geste aus, dann trägt sie dich, schließlich sogar in Szenen, in denen du sie längst nicht mehr denkst.
Wir erleben mit, wie aus einer Bewegung eine Figur wird.
Beim Gasttag siehst du, wie hier an Szenen gearbeitet wird, ohne dich zu etwas zu verpflichten.
Die Reihe zu den Schauspielmethoden
Michael Tschechows Arbeit steht in einer langen Entwicklung. Sie beginnt bei Aristoteles und der Kunst der Verwandlung. Über die Stegreiftruppen der Commedia dell’arte und über das elisabethanische Theater Shakespeares führt sie zu Konstantin Stanislawski, dessen System in Amerika mehrere Schulen hervorbrachte.
Fragen und Antworten
Vier Fragen kommen zu Michael Tschechow immer wieder. Hier die kurzen Antworten.
Was ist die psychologische Geste?
Eine große, langsam ausgeführte Körperbewegung, die den Grundimpuls einer Figur fasst, etwa Ziehen, Stoßen, Öffnen oder Niederdrücken. Du übst sie außerhalb der Szene, bis sie in dir sitzt. Auf der Bühne bleibt sie unsichtbar und färbt trotzdem Haltung, Gang und Sprache. Michael Tschechow beschreibt sie in „Werkgeheimnisse der Schauspielkunst“.
Wer war Michael Tschechow?
Ein russisch-amerikanischer Schauspieler, Regisseur und Autor, der von 1891 bis 1955 lebte und als Neffe von Anton Tschechow aus einer Schriftstellerfamilie stammte. Konstantin Stanislawski holte ihn 1911 ans Moskauer Künstlertheater. Nach seiner Flucht aus Russland 1928 unterrichtete er in England und den USA, unter anderem Marilyn Monroe und Gregory Peck.
Wieso arbeitet Michael Tschechows Methode mit Imagination?
Weil das innere Bild einer Figur mehr hergibt als die Analyse eines Textes. Durch Konzentration entsteht eine Bühnenfigur vor dem inneren Auge, die ein Eigenleben gewinnt und dir Eigenschaften zeigt, die du dir nicht ausgedacht hast. Wie mehrere solcher Wege in einer vollständigen Ausbildung zusammenkommen, liest du auf der Seite zur Schauspielausbildung.
Für wen eignet sich die Tschechow-Methode?
Sie passt zu dir, wenn deine Figuren dir gedanklich klar sind und körperlich blass bleiben. Auch wer ungern mit eigenen Erinnerungen arbeitet, findet hier einen Weg, der über das Bild und den Körper läuft. Wie sich das über mehrere Tage anfühlt, erlebst du in der Probewoche.