Commedia dell’arte, Masken und die Freiheit der Improvisation
Ein Mann mit schwarzer Ledermaske springt auf einen Tisch, schnappt sich eine Wurst und ist wieder verschwunden, bevor sein Herr sich umdreht. Auf einem Marktplatz im Italien des 16. Jahrhunderts wusste jeder im Publikum sofort, wer das ist. Arlecchino, der ewig hungrige Diener. Aus solchen Momenten entstand die Commedia dell’arte, das erste durchprofessionalisierte Theater Europas. Die Figuren standen fest, die Masken auch. Was an jedem Abend neu entstand, war das Spiel.
Ursprung in Italien
Das Genre entwickelte sich im 16. Jahrhundert in Italien und blieb bis ins 18. Jahrhundert in ganz Europa populär. Zum ersten Mal zogen ausgebildete Berufsschauspieler in festen Truppen von Stadt zu Stadt und spielten auf Plätzen, in Höfen, auf einfachen Bretterbühnen. Sie lebten von ihrer eigenen Kunst. Auch Frauen standen dabei auf der Bühne, lange bevor das anderswo selbstverständlich war.
Der Begriff selbst trägt diese Haltung in sich, das Theater der Kunstfertigkeit. Gemeint sind die Spieler als Fachleute ihres Handwerks, die eine Bühne allein durch Können füllen. Das Ensemble war die eigentliche Institution. Es hütete seine Figuren, seine Tricks, seine Wirkung. Eine Truppe reiste mit einem Fundus an Szenen, Rollen und Gags durch die Lande und baute daraus jeden Abend eine Vorstellung.
Feste Typen und Masken
Diese Theaterform kennt ein festes Personal. Jede Figur trägt einen eigenen Charakter, eine eigene Körperhaltung, oft eine eigene Maske. Es sind Typen, keine Einzelfiguren, und das Publikum erkannte sie in Sekunden, in Venedig genauso wie in Paris.
Pantalone ist der alte, geizige Kaufmann, misstrauisch und verliebt zugleich. Il Dottore, der gelehrte Schwätzer, redet viel und versteht wenig. Arlecchino, hervorgegangen aus dem Typus des Zanni, des bauernschlauen Dieners, ist der akrobatische Spaßmacher mit der Halbmaske und dem ewigen Hunger. Meist stehen zwei solcher Diener gegeneinander, einer gerissen, einer tollpatschig, und aus ihrem Aufeinandertreffen entsteht die halbe Komik. Dazu kommen Brighella, der gerissene Strippenzieher, Il Capitano, der großspurige Angeber, und Colombina, die kluge Zofe. In der Mitte stehen die Liebenden, die Innamorati, die als Einzige mit offenem Gesicht spielen.
Die Maske ist dabei ein Werkzeug. Eine Halbmaske aus Leder, die Augen und Stirn verdeckt und den Mund frei lässt. Wer sie trägt, verliert das Gesicht als Ausdrucksmittel. Der ganze Körper übernimmt. Die Hände, der Rücken, der Gang, alles muss sprechen, was sonst ein Augenaufschlag erledigt. Genau darin liegt die Schule, die bis heute nachwirkt. Eine Maske zwingt den Spieler, mit dem ganzen Leib zu denken. Wie andere Theaterkulturen mit der Maske arbeiten, das japanische No-Theater und der Butoh-Tanz etwa, ist eine eigene und ganz andere Geschichte.
Improvisation als Herz der Commedia dell’arte
Die Commedia dell’arte arbeitete ohne ausgeschriebene Rollen. Am Bühnenrand hing das Canovaccio, eine grobe Handlungsskizze. Wer, wann, mit wem, worum es geht. Den Rest erfanden die Spieler im Moment, Abend für Abend anders.
Möglich war das nur, weil das Gerüst so fest stand. Jeder kannte seine Figur bis in die Fingerspitzen. Jeder beherrschte die Lazzi, die einstudierten komischen Einlagen, die sich an fast jeder Stelle einschieben ließen. Ein Sturz, ein Wortgefecht, ein Stück Pantomime mit einer Fliege, die partout nicht zu fangen ist. Solche Nummern saßen, und trotzdem wirkten sie jedes Mal wie eben erfunden.
Auf diesem sicheren Boden konnten die Spieler wirklich frei sein. Improvisation hieß hier nie Beliebigkeit, sie hieß genaues Zuhören und schnelles Antworten im Ensemble. Feste Form und freies Spiel gehörten zusammen. Genau dieses Prinzip lebt im modernen Improvisationstheater weiter. Der Theatermacher Keith Johnstone, einer seiner einflussreichsten Lehrer, baute seine Theaterspiele auf einer sehr ähnlichen Idee auf. Klare Regeln, klare Beziehungen, und darin die volle Freiheit des Augenblicks. Wer improvisiert, braucht Halt, um sich fallen lassen zu können.
Einfluss auf das moderne Theater
Als eigene Bühnenform verschwand das Genre, doch seine Figuren wanderten weiter. Molière übernahm die Typen für seine Komödien, sein geiziger Harpagon ist ein naher Verwandter des Pantalone. Carlo Goldoni formte die alten Masken im 18. Jahrhundert zu ausgeschriebenen Charakteren um und führte sie damit in die Literatur. Sein Stück um den Diener Arlecchino wurde später durch die legendäre Inszenierung von Giorgio Strehler am Piccolo Teatro di Milano weltberühmt.
Im 20. Jahrhundert holten Theatermacher die alte Kunst zurück in die Ausbildung. Der französische Pädagoge Jacques Lecoq entdeckte die Commedia dell’arte und ihre Masken in seinen italienischen Jahren, wo er ab 1948 in Padua Pantomime unterrichtete. Auf Einladung von Giorgio Strehler und Paolo Grassi lehrte er an der Theaterschule des Piccolo Teatro di Milano, arbeitete dort mit Dario Fo und trug die Maskenarbeit später in seine eigene Pariser Schule. Zu seinen Schülern zählen Ariane Mnouchkine, Christoph Marthaler und das Ensemble Mummenschanz. Sein berühmter Satz, dass der Körper Dinge weiß, die der Kopf noch nicht weiß, wuchs auf genau diesem Boden.
Bis heute gehört die Maskenarbeit zum festen Bestandteil vieler Schauspielausbildungen. Die Arbeit an Körper, Maske und Präsenz beginnt hier, auf einem Marktplatz vor rund fünfhundert Jahren. So steht diese frühe Stegreifkunst am Anfang einer langen Linie, die bis in unsere Serie zu den Schauspielmethoden reicht. Die Masken sind aus Leder, die Figuren Jahrhunderte alt. Lebendig werden sie erst im Spiel.
Häufige Fragen zur Commedia dell’arte
Was ist die Commedia dell’arte?
Eine italienische Form des Berufstheaters aus dem 16. Jahrhundert, gespielt von festen Truppen mit festen Typen, Masken und viel Improvisation.
Welche Figuren gehören dazu?
Zu den bekanntesten zählen Arlecchino, Pantalone, Il Dottore, Brighella, Il Capitano und Colombina, dazu die Liebenden, die Innamorati.
Was bedeutet Improvisation in diesem Theater?
Die Spieler folgten nur einer groben Handlungsskizze, dem Canovaccio, und füllten den Rest mit freiem Spiel und einstudierten komischen Einlagen, den Lazzi.



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