Zwei Filmschaffende blicken am Set gemeinsam auf den Monitor der Filmkamera, um die optimalen Einstellungsgrößen beim Film zu ermitteln.

Einstellungsgrößen beim Film: Was Totale, Halbtotale und Close-up von dir benötigen

Auf der Bühne erreicht dein Körper die letzte Reihe. Vor der Kamera genügen mitunter ein Augenaufschlag und eine leichte Drehung aus dem Nacken.

Wer zum ersten Mal an einem Filmset steht, merkt das schon im ersten Take, weil die Kamera näher steht, als ein Publikum je sitzen würde. Sie sieht die Hand, die zu früh zuckt, den Blick, der eine Sekunde zu lang hält, und verlässlich den Moment, in dem etwas Wirkliches passiert.

Verantwortlich dafür sind die Einstellungsgrößen im Film. Sie entscheiden darüber, wie viel vom Raum im Bild ist und wie viel von dir. Jede Einstellung verlangt dabei etwas anderes von deinem Spiel.

Die drei Einstellungsgrößen beim Film, die jede Szene braucht

Eine Spielfilmszene entsteht nahezu niemals in einem einzigen Durchgang. Sie wird aus mehreren Einstellungen gebaut, von denen drei den größten Teil der Arbeit übernehmen. In der Schauspielschule geht es deshalb hauptsächlich um diese drei Größen und auch in unserem Filmworkshop drehst du jede Szene in genau diesen Ausschnitten.

Die Totale zeigt den Ort, den Raum, die Wege darin und den Abstand zwischen zwei Menschen. Die Halbtotale rückt näher heran und fasst die Figuren, sodass zählt, was zwischen ihnen passiert. Die Großaufnahme, im Workshop und in diesem Text Close-up genannt, geht bis ins Gesicht. Dort zeigt sich, was gerade hinter der Fassade der Figuren geschieht.

Im Schnitt entsteht daraus am Ende eine einzige Szene. Für dich bedeutet das, dieselbe Handlung dreimal zu spielen, jedes Mal in einer anderen Größe und jedes Mal mit einem anderen Anspruch an deine Spielart und deinen Ausdruck.

Tippe auf eine Einstellung und sieh, was die Kamera jeweils von dir zeigt.

Drei Darsteller in einer Spielszene vor einer blau beleuchteten Ziegelwand, im Vordergrund hockt einer mit erhobener Hand.
Zwei Darsteller im engeren Bildausschnitt, vorn einer mit Bart und erhobener Hand, dahinter einer mit Brille im karierten Hemd.
Großaufnahme eines bärtigen Darstellers mit erstauntem Blick und erhobener Hand.
TotaleHalbtotaleClose-up

Totale

Der ganze Körper im Raum

Die Totale zeigt den Ort, die Wege darin und den Abstand zwischen den Figuren. Wie du stehst und wie du gehst, erzählt hier schon etwas, bevor der erste Satz fällt.

Halbtotale

Hier entsteht die Beziehung

Das Bild rückt näher und fasst die Figuren mit Schultern, Händen und dem Abstand zwischen ihnen. In diesem engeren Ausschnitt wird jede Bewegung größer als im Leben, deshalb gleitest du langsam in sie hinein.

Close-up

Ein Blick genügt

Die Kamera steht so nah, dass ein kleines Zwinkern eine ganze Vorgeschichte erzählen kann. Im Close-up kommt alles beim Publikum an, auch das, was die Figur gar nicht zulassen wollte.

Wie viele Einstellungsgrößen gibt es im Film?

Die meisten Lehrbücher unterscheiden acht. Von weit nach nah sind das Weit, Totale, Halbtotale, Amerikanische, Halbnah, Nah, Groß und Detail. In der Arbeit an einer Spielfilmszene übernehmen Totale, Halbtotale und Close-up den größten Teil, weil sich aus ihnen fast jede Szene schneiden lässt. Die übrigen fünf findest du weiter unten im Überblick über alle acht Einstellungsgrößen.

Wieso Lukas Scheja nie „Linse“ sagt

In seinen Workshops vermeidet Filmregisseur Lukas Scheja dieses Wort mit Absicht und seine Begründung ist denkbar einfach. Wer an eine Linse denkt, spielt für eine schwarze Kiste.

Lukas Scheja lenkt die Aufmerksamkeit seiner Teilnehmenden deshalb auf die Situation, in der die Figur gerade steht. Für diese Situation spielst du und genau das sieht man später im Film.

Das klingt nach einer Haltungsfrage und ist zugleich eine handwerkliche. Wenn jemand für die Kamera abliefert, sieht man es in jedem einzelnen Take, weil die Aufmerksamkeit nach außen wandert und die Szene dabei ihren Boden verliert. Der Zuschauer spürt das, ohne in der Regel benennen zu können, was fehlt.

Die Kamera arbeitet am Set wie ein wertfreier Partner, der genau wahrnimmt, was dort wirklich ist und was dort fehlt. Sie übersetzt die Vieldimensionalität eines Sets in die zwei Ebenen der Leinwand.

Du bewegst dich mit deinem Spielpartner in einem Raum, der mehr Richtungen kennt, als das fertige Bild zeigt. Die Kamera übersetzt das für die Geschichte deiner Figur. In diesen Bezügen ist sie dein künstlerischer Freund, immerzu verlässlich da. Hinter ihr steht außerdem ein Mensch, der sie führt und ihre Bewegung auf dein Spiel abstimmt.

Die Totale öffnet den Raum und zieht das Publikum in die Umstände der Geschichte

Die Totale zeigt Menschen vollständig in ihrer Umgebung. Dein ganzer Körper ist im Bild, also auch die Art, wie du stehst, wie du gehst und wie viel Platz du zwischen dich und den anderen legst. Diese Einstellung erzählt über deinen Körper, wo die Geschichte stattfindet und in welchem Verhältnis die Menschen darin zueinander stehen.

Bewegung ist hier möglich und gleichzeitig nötig, weil eine Figur, die in der Totale erstarrt, im Bild wie ein Möbelstück wirkt. Wer den Raum nutzt, erzählt mit seinem Weg, bevor er spricht. Was du aus dem Theater bereits mitbringst, hilft dir in dieser Einstellung am meisten.

In der Halbtotale entsteht die Beziehung

Das Bild rückt näher an einzelne Menschen heran. Damit geht es um alles, was sie ausmacht und was direkt um sie herum geschieht, um die Schultern, die Hände und den Abstand, der sich verändert.

Wie eng die Halbtotale gefasst wird, handhaben Lehrbücher und Regie unterschiedlich. Klassisch zeigt sie die Figur von Kopf bis Fuß, mit weniger Umgebung als die Totale. Im Filmworkshop steht sie für den mittleren Ausschnitt zwischen Totale und Close-up, in dem die Beziehung zwischen zwei Menschen sichtbar wird.

An dieser Stelle wird der Unterschied zur Bühne körperlich sehr spürbar. Lukas Scheja weist seine Teilnehmer deshalb darauf hin, langsam in eine Bewegung hineinzugleiten und mit Objekten vorsichtig umzugehen, weil im engeren Bildausschnitt alles größer wird als im Leben. Ein Glas, das auf der Bühne situationserzählend abgestellt wird, wird vor der Kamera zu einem eigenen Geräusch und einer eigenen Geste. Wer das einmal am Monitor gesehen hat, macht es beim nächsten Take anders.

Im Close-up erzählen sich Geheimnisse, die wir ansonsten nur erahnen könnten

Die stärkste Einstellung ist ausgerechnet die, in der am wenigsten passiert. Im Close-up steht die Kamera so nah, dass ein Blick genügt und schon ein Lidschlag etwas über die Figur verrät.

Lukas Scheja nennt das Essentialisierung. Alles wird weggelassen, was die Szene nicht braucht, um dem einen Impuls Raum zu geben, der für das Publikum den nächsten Erlebnisschritt vorschlägt. Für die Bühne spielst du groß, damit es hinten ankommt, während im Close-up jede Regung ankommt, selbst die, die deine Figur lieber verborgen hätte. Genau darin liegt die Chance dieser Einstellung, denn eine Empfindung, die du wirklich erlebst, braucht keine Verstärkung mehr.

Sie ist bereits auf dem Sensor.

Wer entscheidet am Set, in welcher Größe gedreht wird?

Diese Entscheidung trifft die Regie gemeinsam mit der Kamera. Du solltest vor jedem Take wissen, welche Einstellung gerade gedreht wird, denn der Ausschnitt bestimmt, wie viel von dir im Bild zu sehen ist und wie viel eine einzelne Geste leisten darf.

Muss ich wissen, welche Einstellung gerade läuft?

Ja, denn dieselbe Bewegung, die in der Totale kaum auffällt, füllt im Close-up das ganze Bild. Wer den Ausschnitt im Kopf hat, dosiert seine Mittel danach und arbeitet spürbar genauer.

Auf Anschluss spielen

Wenn dieselbe Szene in drei Größen gedreht wird, muss sie dreimal zusammenpassen. Der Becher steht beim zweiten Durchgang an derselben Stelle, die Hand hebt sich im selben Moment, der Satz fällt im selben Rhythmus.

Das nennt sich auf Anschluss spielen und ist die Grundlage jeder Filmarbeit. Es klingt nach Technik und ist auch eine, verlangt aber vor allem, dass du deine eigene Szene so genau kennst, dass du sie wiederholen kannst, ohne sie dabei zu kopieren. Theatererfahrung hilft an dieser Stelle wenig, weil es eine eigene Fähigkeit ist, die sich erst am Set entwickelt.

Wieso Filmarbeit sich anders anfühlt als Theater

Die Bühne verlangt Ausdehnung, der Film Verdichtung. Beides ist Handwerk, das sich entwickeln lässt, und der Unterschied liegt in der Aufmerksamkeit, die jede der beiden Spielweisen verlangt.

Die meisten begreifen ihn in dem Moment, in dem sie sich zum ersten Mal selbst auf der Leinwand sehen. Was sich beim Drehen nach wenig angefühlt hat, kommt im Bild an und was sich nach viel angefühlt hat, wirkt laut. Deshalb gehört das Zuschauen zur Arbeit dazu.

Alle acht Einstellungsgrößen im Überblick

In der Schauspielschule geht es hauptsächlich um Totale, Halbtotale und Close-up, weil sich mit ihnen fast jede Spielszene drehen lässt. Regie und Kamera sprechen am Set aber in allen acht Begriffen, deshalb lohnt es sich, auch die übrigen fünf zu kennen. Lehrbücher ordnen sie von weit nach nah, die Grenzen zwischen ihnen sind dabei fließend.

  • Weit (Supertotale, Extreme Long Shot): Landschaft oder Stadt füllen das Bild, Menschen wirken sehr klein.
  • Totale (Long Shot): Menschen vollständig in ihrer Umgebung.
  • Halbtotale (Medium Long Shot): die Figur von Kopf bis Fuß, die Umgebung tritt zurück.
  • Amerikanische (American Shot): vom Kopf bis etwa zum Knie.
  • Halbnah (Medium Shot): vom Kopf bis zur Hüfte, die Umgebung bleibt erkennbar.
  • Nah (Medium Close-up): vom Kopf bis zur Mitte des Oberkörpers.
  • Groß (Close-up): Kopf und ein Teil der Schultern, oft angeschnitten.
  • Detail (Extreme Close-up): ein kleiner Ausschnitt wie Augen, Mund, Hand oder ein Gegenstand.

Weit: der Mensch in der Landschaft

Die Weit, oft auch Supertotale oder Panorama genannt, zeigt eine Landschaft oder eine Stadt, in der Menschen nur noch klein zu sehen sind. Filme setzen sie gern an den Anfang einer Sequenz, um den Ort einzuführen. Je nach Zusammenhang wirkt sie frei und offen oder einsam. Für dein Spiel heißt das, dass allein dein Körper erzählt. Tempo, Richtung und Haltung kommen an, also ob du zögerst, eilst oder stehen bleibst.

Amerikanische Einstellung: von Kopf bis Knie

Die Amerikanische zeigt dich vom Kopf bis etwa zum Knie. Ihren Namen hat sie aus dem Western, wo der Ausschnitt den Revolver im Holster an der Hüfte mit ins Bild holte. Gegenüber der Halbtotale rückt sie die Person stärker in den Mittelpunkt. Für dein Spiel werden Stand und Hände wichtig. Wie du dein Gewicht verlagerst und was deine Hände tun, während du sprichst, liest das Publikum hier ebenso deutlich wie deinen Blick.

Halbnah: Mimik und Gestik zugleich

Die Halbnahe schneidet das Bild etwa an der Hüfte ab, die Umgebung bleibt dabei noch erkennbar. Viele Dialogszenen sind halbnah gedreht, weil Mimik und Gestik gleichermaßen zu sehen sind. Für dein Spiel bedeutet das, dass deine Gesten im Rahmen bleiben. Eine Hand, die weit ausholt, verlässt den Bildausschnitt und ist für das Publikum verloren. Gesten nah am Körper wirken in dieser Größe klar und ruhig.

Nah: Blicke werden zur Handlung

Die Nahe zeigt dich vom Kopf bis etwa zur Mitte des Oberkörpers. Sie gehört zu den häufigsten Größen in Dialogszenen und Interviews, weil Mimik und Blicke gut lesbar bleiben. Für dein Spiel verlagert sich die Arbeit ins Gesicht und in den Atem. Wohin du schaust, erzählt jetzt eine Menge. Dein Spielpartner steht dafür oft dicht neben der Kamera und dein Blick sucht genau ihn, damit die Blickrichtungen im Schnitt zusammenpassen.

Detail: ein Auge, eine Hand, ein Gegenstand

Die Detailaufnahme zeigt nur einen kleinen Ausschnitt, etwa die Augen, den Mund, eine Hand oder einen Gegenstand. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was für die Geschichte gerade entscheidend ist, und kann stark, manchmal sogar verstörend wirken. Eine Sonderform ist die Italienische Einstellung aus dem Italowestern, die nur die Augen zeigt. Für dein Spiel heißt Detail meistens Hände. Wie du den Schlüssel umdrehst oder den Brief faltest, muss exakt zu den anderen Einstellungen passen. Hier wird das Spielen auf Anschluss besonders genau.

Was ist der Unterschied zwischen Einstellungsgröße und Kameraperspektive?

Die Einstellungsgröße legt fest, wie viel im Bild zu sehen ist, also den Ausschnitt. Die Kameraperspektive bestimmt den Blickwinkel, etwa Augenhöhe, Untersicht oder Aufsicht. Beides wirkt zusammen. Eine Großaufnahme aus der Untersicht lässt eine Figur mächtiger erscheinen als dieselbe Größe auf Augenhöhe.

Der Filmworkshop am Artrium

Genau auf dieser Grundlage arbeiten wir in unserem Filmworkshop in Hamburg, zwei volle Tage lang, Samstag und Sonntag, in unseren Räumen in Hamburg-Altona. Du schreibst mit deinem Spielpartner eine eigene Spielfilmszene, probst sie und drehst sie anschließend in Totale, Halbtotale und Close-up, mit professionellem Equipment und unter der Regie von Filmregisseur Lukas Scheja. Gedreht wird durchgehend zu zweit und jede Szene läuft danach über die Leinwand, sodass du siehst, was die Kamera von dir aufgenommen hat.

Brauche ich Erfahrung vor der Kamera?

Nein. Die Unterschiede zwischen den Einstellungen lassen sich an einem einzigen Wochenende erleben, wenn du selbst darin spielst und dich anschließend auf der Leinwand ansiehst. Wer schon gedreht hat, arbeitet in seinen Szenen an den Feinheiten.

Alle Einzelheiten, die Gebühr, die Voraussetzungen und die nächsten Termine findest du auf der Seite zum Filmworkshop in Hamburg.

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