Auf der Bühne erreicht dein Körper die letzte Reihe. Vor der Kamera genügen mitunter ein Augenaufschlag und eine leichte Drehung aus dem Nacken.
Wer zum ersten Mal an einem Filmset steht, merkt das schon im ersten Take, weil die Kamera näher steht, als ein Publikum je sitzen würde. Sie sieht die Hand, die zu früh zuckt, den Blick, der eine Sekunde zu lang hält, und verlässlich den Moment, in dem etwas Wirkliches passiert.
Verantwortlich dafür sind die Einstellungsgrößen im Film. Sie entscheiden darüber, wie viel vom Raum im Bild ist und wie viel von dir. Jede Einstellung verlangt dabei etwas anderes von deinem Spiel.
Die drei Einstellungsgrößen beim Film, die jede Szene braucht
Eine Spielfilmszene entsteht nahezu niemals in einem einzigen Durchgang. Sie wird aus mehreren Einstellungen gebaut, von denen drei den größten Teil der Arbeit übernehmen.
Die Totale zeigt den Ort, den Raum, die Wege darin und den Abstand zwischen zwei Menschen. Die Halbtotale rückt näher heran und fasst die Figuren, sodass zählt, was zwischen ihnen geschieht. Das Close-up geht bis ins Gesicht, und dort zeigt sich, was gerade hinter der Fassade der Figuren geschieht.
Im Schnitt entsteht daraus am Ende eine einzige Szene. Für dich bedeutet das, dieselbe Handlung dreimal zu spielen, jedes Mal in einer anderen Größe und jedes Mal mit einem anderen Anspruch an deine Spielart und deinen Ausdruck.
Tippe auf eine Einstellung und sieh, was die Kamera jeweils von dir zeigt.




Der ganze Körper im Raum
Die Totale zeigt den Ort, die Wege darin und den Abstand zwischen den Figuren. Wie du stehst und wie du gehst, erzählt hier schon etwas, bevor der erste Satz fällt.
Hier entsteht die Beziehung
Das Bild rückt näher und fasst die Figuren mit Schultern, Händen und dem Abstand zwischen ihnen. In diesem engeren Ausschnitt wird jede Bewegung größer als im Leben, deshalb gleitest du langsam in sie hinein.
Ein Blick genügt
Die Kamera steht so nah, dass ein kleines Zwinkern eine ganze Vorgeschichte erzählen kann. Im Close-up kommt alles beim Publikum an, auch das, was die Figur gar nicht zulassen wollte.
Wie viele Einstellungsgrößen beim Film gibt es insgesamt?
Je nach Lehrbuch werden sieben bis acht Einstellungsgrößen im Film unterschieden, von der weiten Panoramaeinstellung bis zur Detailaufnahme. In der praktischen Arbeit an einer Spielfilmszene übernehmen Totale, Halbtotale und Close-up den größten Teil, weil sich aus ihnen fast jede Szene schneiden lässt.
Wieso Lukas Scheja nie „Linse“ sagt
In seinen Workshops vermeidet Filmregisseur Lukas Scheja dieses Wort mit Absicht, und seine Begründung ist denkbar einfach. Wer an eine Linse denkt, spielt für eine schwarze Kiste.
„Man spielt nicht für die Kamera, sondern für die Situation, in der man ist. Das sieht man im Film.“ (Lukas Scheja)
Das klingt nach einer Haltungsfrage, ist aber eine handwerkliche. Wenn jemand für die Kamera abliefert, sieht man es in jedem einzelnen Take, weil die Aufmerksamkeit nach außen wandert und die Szene dabei ihren Boden verliert. Der Zuschauer spürt das, ohne in der Regel benennen zu können, was fehlt.
Die Kamera arbeitet am Set wie ein wertfreier Partner, der genau wahrnimmt, was dort wirklich ist und was dort fehlt. Sie übersetzt die Vieldimensionalität eines Sets in die zwei Ebenen der Leinwand.
Du bewegst dich mit deinem Spielpartner in einem Raum, der mehr Richtungen kennt, als das fertige Bild zeigt, und die Kamera übersetzt das für die Geschichte deiner Figur. In diesen Bezügen ist sie dein künstlerischer Freund, immerzu verlässlich da. Hinter ihr steht außerdem ein Mensch, der sie führt und ihre Bewegung auf dein Spiel abstimmt.
Die Totale öffnet den Raum und zieht das Publikum in die Umstände der Geschichte
In der Totale ist dein ganzer Körper im Bild, also auch die Art, wie du stehst, wie du gehst und wie viel Platz du zwischen dich und den anderen legst. Diese Einstellung erzählt über deinen Körper, wo die Geschichte stattfindet und in welchem Verhältnis die Menschen darin zueinander stehen.
Bewegung ist hier möglich und gleichzeitig nötig, weil eine Figur, die in der Totale erstarrt, im Bild wie ein Möbelstück wirkt. Wer den Raum dagegen benutzt, erzählt schon etwas, bevor der erste Satz fällt. Was du aus dem Theater bereits mitbringst, hilft dir in dieser Einstellung am meisten.
In der Halbtotale entsteht die Beziehung
Das Bild rückt näher und erfasst einzelne Menschen, und damit geht es um alles, was sie ausmacht und was direkt um sie herum geschieht, um die Schultern, die Hände und den Abstand, der sich verändert.
An dieser Stelle wird der Unterschied zur Bühne körperlich sehr spürbar. Lukas Scheja weist seine Teilnehmer deshalb darauf hin, langsam in eine Bewegung hineinzugleiten und mit Objekten vorsichtig umzugehen, weil im engeren Bildausschnitt alles größer wird als im Leben. Ein Glas, das auf der Bühne situationserzählend abgestellt wird, wird vor der Kamera zu einem eigenen Geräusch und einer eigenen Geste.
Wer das einmal am Monitor gesehen hat, macht es beim nächsten Take anders.
Im Close-up erzählen sich Geheimnisse, die wir ansonsten nur erahnen könnten
Die stärkste Einstellung ist ausgerechnet die, in der am wenigsten passiert. Im Close-up steht die Kamera so nah, dass ein Blick genügt und ein kleines Zwinkern eine ganze Vorgeschichte erzählen kann.
Lukas Scheja nennt das Essentialisierung. Alles wird weggelassen, was die Szene nicht braucht, um dem einen Impuls Raum zu geben, der für das Publikum den nächsten Erlebnisschritt vorschlägt. Für die Bühne spielst du groß, damit es hinten ankommt, während im Close-up alles bei deinem Publikum ankommt, auch das, was die Figur gar nicht zulassen wollte. Genau darin liegt die Chance dieser Einstellung, denn eine Empfindung, die du wirklich erlebst, braucht keine Verstärkung mehr.
Sie ist bereits auf dem Sensor.
Wer entscheidet am Set, in welcher Größe gedreht wird?
Diese Entscheidung liegt bei der Regie, gemeinsam mit der Kamera, und du solltest vor jedem Take wissen, welche Einstellung gerade gedreht wird. Für dich ist das keine Nebensache, denn der Ausschnitt bestimmt, wie viel von dir im Bild zu sehen ist und wie viel eine einzelne Geste leisten darf.
Muss ich wissen, welche Einstellung gerade läuft?
Ja, denn dieselbe Bewegung, die in der Totale kaum auffällt, füllt im Close-up das ganze Bild. Wer den Ausschnitt im Kopf hat, dosiert seine Mittel danach und arbeitet spürbar genauer.
Auf Anschluss spielen
Wenn dieselbe Szene in drei Größen gedreht wird, muss sie dreimal zusammenpassen. Der Becher steht beim zweiten Durchgang an derselben Stelle, die Hand hebt sich im selben Moment, der Satz fällt im selben Rhythmus.
Das nennt sich auf Anschluss spielen und ist die Grundlage jeder Filmarbeit. Es klingt nach Technik und ist auch eine, verlangt aber vor allem, dass du deine eigene Szene so genau kennst, dass du sie wiederholen kannst, ohne sie dabei zu kopieren. Theatererfahrung hilft an dieser Stelle wenig, weil es eine eigene Fähigkeit ist, die sich erst am Set entwickelt.
Wieso Filmarbeit sich anders anfühlt als Theater
Die Bühne verlangt Ausdehnung, der Film verlangt Verdichtung, und beides ist Handwerk, das sich entwickeln lässt. Der Unterschied liegt in der Aufmerksamkeit, die jede der beiden Spielweisen verlangt.
Die meisten begreifen ihn in dem Moment, in dem sie sich zum ersten Mal selbst auf der Leinwand sehen. Was sich beim Drehen nach wenig angefühlt hat, kommt im Bild an, und was sich nach viel angefühlt hat, wirkt laut. Deshalb gehört das Zuschauen zur Arbeit dazu.
Der Filmworkshop am Artrium
Genau auf dieser Grundlage arbeiten wir in unserem Filmworkshop in Hamburg, zwei volle Tage lang, Samstag und Sonntag, in unseren Räumen in Hamburg-Altona. Du schreibst mit deinem Spielpartner eine eigene Spielfilmszene, probst sie und drehst sie anschließend in Totale, Halbtotale und Close-up, mit professionellem Equipment und unter der Regie von Filmregisseur Lukas Scheja.
Gedreht wird durchgehend zu zweit, und jede Szene läuft danach über die Leinwand, sodass du siehst, was die Kamera von dir aufgenommen hat.
Brauche ich Erfahrung vor der Kamera?
Nein. Die Unterschiede zwischen den Einstellungen lassen sich an einem einzigen Wochenende erleben, wenn du selbst darin spielst und dich anschließend auf der Leinwand ansiehst. Wer schon gedreht hat, arbeitet in seinen Szenen an den Feinheiten.
Alle Einzelheiten, die Gebühr, die Voraussetzungen und die nächsten Termine findest du auf der Seite zum Filmworkshop in Hamburg.