Ein Darsteller im roten Anzug steht barfuß auf einem Tisch und krümmt sich vor einer violett ausgeleuchteten Bühnenwand, um ihn herum liegen weitere Darstellende.

Butoh-Tanz: Japans Tanz der Finsternis, von Hijikata bis heute

Ein weiß gekalkter Körper braucht zwei Minuten, um eine Hand vom Boden bis zum Gesicht zu heben. Die Finger krümmen sich, die Augen verdrehen sich nach oben, der Mund öffnet sich zu einem Schrei, den niemand hört. Wer zum ersten Mal Butoh-Tanz sieht, sucht nach einer Geschichte und findet eine Verwandlung. Ein Mensch wird zu Asche, zu einem Tier, zu einem Stein. Dieser Beitrag erzählt, woher Butoh kommt, wer ihn erfunden hat, wie er arbeitet und was er heute mit dir als Spielerin oder Spieler machen kann.

Butoh gehört zu den radikalsten Bühnenkünsten des 20. Jahrhunderts. Er entstand 1959 in Tokio und bis heute gibt es keine Definition, auf die sich alle einigen. Genau das macht ihn für Schauspielende so ergiebig. Wir gehen der Reihe nach vor: Begriff, Geschichte, Gründer, zweite Generation, Ästhetik, Arbeitsweise, Verwandtschaft mit dem Noh, Butoh in Deutschland und am Ende Butoh am Artrium in Hamburg.

Was ist Butoh-Tanz?

Butoh ist ein japanisches Tanztheater ohne feste Form. Es entstand nach dem Zweiten Weltkrieg und wurde von Tatsumi Hijikata und Kazuo Ohno begründet. Typisch sind langsame, verzerrte Bewegungen, oft weiß bemalte Körper und eine Arbeit mit inneren Bildern, durch die sich der Körper in etwas anderes verwandelt.

Im Butoh bekommt das eine Bühne, was sich gewöhnlich unter der Oberfläche verbirgt. Tod, Sexualität, Krankheit, das Groteske und das Hässliche dürfen hier sichtbar werden. Der Körper gilt als leere Hülle, die sich von äußeren Umständen formen und bewegen lässt. Unsere Workshop-Seite beschreibt das mit einem einfachen Satz: Im Butoh wird der Mensch zu etwas.

Was ist Butoh, einfach erklärt?

Butoh ist ein Tanz aus Japan, bei dem du dich sehr langsam bewegst und dich dabei in Bilder verwandelst, etwa in einen Baum, ein Tier oder einen alten Menschen. Feste Schritte gibt es dabei keine, entscheidend ist allein, dass jede Bewegung aus einem inneren Bild entsteht.

Ist Butoh Tanz oder Theater?

Butoh liegt zwischen beiden Künsten: Die Wikipedia nennt ihn ein Tanztheater ohne feste Form, manche Praktizierende sprechen von einer Bewegungskunst. Für Schauspielende zählt vor allem, dass Butoh mit Figuren, Bildern und Verwandlung arbeitet, also mit den ureigenen Mitteln des Theaters.

Der Name: Ankoku Butoh, Buyō und Butō

Der vollständige Name lautet Ankoku Butō, auf Japanisch 暗黒舞踏. Übersetzt heißt das „Tanz der Finsternis“ oder „Tanz der Dunkelheit“. Mit der Finsternis ist das Dunkle im Menschen selbst gemeint, das Verdrängte und Unbewusste. Unsere Workshop-Seite nennt Butoh deshalb auch den „Tanz des Unterbewussten“.

Spannend ist auch der Weg zu diesem Namen, denn Anfang der 1960er Jahre nannte Tatsumi Hijikata seine Arbeit noch Ankoku Buyō. Das Wort „buyō“ erinnerte aber an den klassischen japanischen Tanz, den Nihon Buyō, von dem er sich lösen wollte. Er ersetzte es durch „butō“, ein altes, kaum noch gebräuchliches Wort, das laut englischer Wikipedia ursprünglich europäischen Gesellschaftstanz bezeichnete. 1961 gab Tatsumi Hijikata der Bewegung den Namen Ankoku Butoh-ha.

Was bedeutet Butoh wörtlich?

Die beiden Schriftzeichen 舞 und 踏 stehen für Tanzen und für Treten oder Stampfen. Manche deutschsprachigen Seiten übersetzen Butoh deshalb mit „stampfender Tanz“. Weil sich die Quellen bei dieser Deutung widersprechen, halten wir uns an das sicher Belegte, nämlich den vollen Namen Ankoku Butō, der „Tanz der Finsternis“ bedeutet.

Butoh, Butō oder Butô?

Alle drei Schreibweisen sind richtig, denn Butō und Butô geben das lange O der japanischen Umschrift wieder, Butoh ist die im Deutschen und Englischen verbreitete Form. In Büchern, Programmheften und bei der Suche im Netz hat sich Butoh durchgesetzt, deshalb verwenden wir diese Form auch in diesem Beitrag.

1959: Kinjiki und der Skandal, mit dem alles begann

Als Geburtsstunde des Butoh gilt ein einziger Abend im Jahr 1959 in Tokio. Tatsumi Hijikata zeigte bei einer Nachwuchsvorstellung der All Japan Art Dance Association sein Stück „Kinjiki“, auf Deutsch „Verbotene Farben“. Der Titel stammt von einem Roman Yukio Mishimas und wie dort ging es um Homosexualität. Neben Tatsumi Hijikata tanzte der junge Yoshito Ohno, der Sohn von Kazuo Ohno.

Am Ende des Stücks hielt Yoshito Ohno ein lebendes Huhn zwischen den Beinen. Für den Verband war das zu viel, Tatsumi Hijikata wurde nach der Aufführung ausgeschlossen und genau dieser Ausschluss machte ihn zur Hauptfigur einer neuen Avantgarde. Aus einem Skandal von wenigen Minuten wuchs eine Kunstform, die bis heute auf der ganzen Welt getanzt wird.

Wurde bei der ersten Aufführung ein Huhn getötet?

Das ist ungeklärt und wird oft falsch erzählt. Die deutsche Wikipedia schreibt, das Publikum habe vermutlich geglaubt, das Huhn sei getötet worden. Die englische Fassung spricht von einem erdrückten Tier. Ein sicherer Beleg für den Tod des Huhns fehlt, deshalb solltest du die Geschichte mit Vorsicht weitergeben.

Japan nach dem Krieg: der Körper als Widerstand

Um Butoh zu verstehen, hilft ein Blick auf das Japan der 1950er Jahre. Das Land wurde rasant industrialisiert und orientierte sich stark am Westen. Auf den Bühnen standen Ballett, moderner westlicher Tanz und die streng bewahrten klassischen Formen wie Noh und Kabuki. Tatsumi Hijikata suchte einen dritten Weg, jenseits der Nachahmung des Westens und jenseits der bewahrten Tradition.

Er suchte einen japanischen Körper, der sich zeigt, wie er ist, mit all seinen Brüchen. Seine Vorbilder fand er in der Literatur, bei Jean Genet, Lautréamont, dem Marquis de Sade und Yukio Mishima. Als 1965 die Theatertexte von Antonin Artaud ins Japanische übersetzt wurden, fand Butoh dort einen Verwandten im Geist. In den 1960er Jahren wurde der Tanz Teil einer breiten Bewegung aus Kunst, Studentenprotest und Untergrund.

Hat Butoh mit Hiroshima zu tun?

Diese Deutung ist weit verbreitet, aber nicht belegt. Mehrere Seiten erklären Butoh als Antwort auf die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki. Ein Zitat von Tatsumi Hijikata dazu ist nicht bekannt und die englische Wikipedia erwähnt die Atombombe überhaupt nicht. Gesichert ist der weitere Hintergrund der Nachkriegszeit mit Besatzung, Umbruch und Verwestlichung.

Tatsumi Hijikata, der Architekt des Butoh

Tatsumi Hijikata wurde am 9. März 1928 in Akita im Norden Japans geboren, sein Geburtsname war Kunio Yoneyama. Ab 1952 lebte er dauerhaft in Tokio und lernte dort Stepptanz, Jazz, Flamenco, Ballett und deutschen Ausdruckstanz, unter anderem bei Takaya Eguchi und bei Kazuo Ohno.

Im Tokioter Stadtteil Meguro betrieb er sein Studio, das Asbestos-kan. Dort entwickelte er mit seinen Tänzerinnen und Tänzern die Formensprache, die Butoh bis heute prägt. Besonders wichtig war die Tänzerin Yoko Ashikawa, mit der er an den verdrehten weißen Augen, im Japanischen Shirome genannt, und an einem sehr langsamen Gang mit gebeugten Knien arbeitete.

1968 zeigte er das Solo „Nikutai no hanran“, im Englischen bekannt als „Revolt of the Body“, die Rebellion des Körpers. Es gilt als einer der Höhepunkte seines Werks. Mit dem Fotografen Eikoh Hosoe entstand das Fotobuch „Kamaitachi“, für das Tatsumi Hijikata in seine ländliche Heimat zurückkehrte. Seinen letzten Bühnenauftritt hatte er 1973 bei der Kompanie Dairakudakan.

Danach zog er sich von der Bühne zurück und arbeitete als Choreograf und Autor. 1983 erschien sein Buch „Ailing Dancer“, außerdem sammelte er Bilder aus der Kunstgeschichte in Notizbüchern und versah sie mit Anweisungen für Bewegungen. Diese Sammlung liegt heute im Hijikata-Archiv der Keiō-Universität in Tokio. Tatsumi Hijikata starb am 21. Januar 1986 in Tokio mit 57 Jahren.

Auf unserer Workshop-Seite steht ein Satz von ihm, der viel über seine Haltung verrät: „Again and again we are reborn unexpected.“ Auf Deutsch heißt das so viel wie: Immer wieder werden wir unerwartet neu geboren. Für ihn blieb der Körper ein Leben lang unfertig und offen für Verwandlung.

Kazuo Ohno, die Seele des Butoh

Wenn Tatsumi Hijikata der Architekt war, dann war Kazuo Ohno die Seele. So beschreibt die beiden das Buch „Shades of Darkness“ und viele Texte folgen dieser Formel. Kazuo Ohno wurde am 27. Oktober 1906 in Hakodate geboren und war damit 21 Jahre älter als sein späterer Partner.

Der Moment, der ihn zum Tanz brachte, liegt im Jahr 1926. Er sah die spanische Tänzerin Antonia Mercé, bekannt als „La Argentina“, und war tief bewegt. Ab 1933 lernte er bei Baku Ishii und Takaya Eguchi, der seinerseits bei Mary Wigman in Deutschland studiert hatte. Ab 1938 war Kazuo Ohno Soldat und geriet am Ende des Krieges in Neuguinea in Gefangenschaft. Die Erfahrungen dieser Jahre flossen später in seine Stücke ein.

1949 gab er seine ersten Soloabende und im Publikum saß Tatsumi Hijikata. Aus dieser Begegnung wuchs eine Zusammenarbeit über Jahrzehnte. 1977 inszenierte Tatsumi Hijikata für ihn „La Argentina Shō“, eine Hommage an die Tänzerin aus seiner Jugend. Kazuo Ohno war damals 71 Jahre alt und erhielt für das Stück den Preis der japanischen Tanzkritik.

Mit diesem Stück begann seine internationale Laufbahn, 1980 tanzte er beim Festival in Nancy, 1981 im La MaMa in New York. Zu seinen Hauptwerken zählen „Meine Mutter“ und „Wasserlilien“. Oft spielte er zerbrechliche und zugleich starke Figuren, häufig auch als Frau gekleidet und geschminkt. Seinen letzten Auftritt gab Kazuo Ohno im Januar 2007 zu seinem 100. Geburtstag. Er starb am 1. Juni 2010 in Yokohama mit 103 Jahren.

Die beiden Gründer dachten über die Form unterschiedlich. Tatsumi Hijikata sagte sinngemäß, das Leben folge der Form. Kazuo Ohno sah es umgekehrt: Die Form komme von selbst, wenn ein seelischer Gehalt da sei. Zwischen diesen beiden Sätzen bewegt sich Butoh bis heute.

Deutsche Wurzeln: der Ausdruckstanz

Butoh gilt als typisch japanisch und doch führt eine seiner Wurzeln nach Deutschland. Der Ausdruckstanz der 1920er Jahre, verbunden mit Namen wie Mary Wigman, Harald Kreutzberg und Valeska Gert, hatte Schüler in Japan. Japanische Tänzer lernten bei Rudolf von Laban und Mary Wigman und unterrichteten danach in ihrer Heimat.

Bei genau diesen Lehrern lernten auch die späteren Gründer des Butoh. Takaya Eguchi, Lehrer von Kazuo Ohno und Tatsumi Hijikata, war Schüler von Mary Wigman. Kazuo Ohno sah außerdem eine Aufführung von Harald Kreutzberg. Die Freiheit des Ausdruckstanzes, das Arbeiten aus dem Inneren und der Mut zum Hässlichen fanden im Butoh eine radikale Fortsetzung.

Die zweite Generation: von Dairakudakan bis Sankai Juku

Ab den 1970er Jahren gründeten Schülerinnen und Schüler der beiden Väter eigene Kompanien. Sie machten Butoh vielfältiger und brachten ihn nach Europa. Auf Deutsch gibt es zu den meisten von ihnen bisher kaum Informationen, deshalb stellen wir die wichtigsten kurz vor.

Dairakudakan wurde 1972 von Akaji Maro gegründet. Zum Kreis der Gründer gehörten auch Ushio Amagatsu und Ko Murobushi. Aus dieser einen Kompanie gingen damit gleich mehrere prägende Stimmen der zweiten Generation hervor.

Sankai Juku gründete Ushio Amagatsu 1975. Die Kompanie trat 1980 bei den Festivals in Nancy und Avignon auf und blieb danach vier Jahre in Europa. Seit 1982 entstehen alle Werke gemeinsam mit dem Théâtre de la Ville in Paris, 2002 erhielt die Kompanie für „Hibiki“ den Laurence Olivier Award. Ushio Amagatsu beschrieb Butoh als „Dialog mit der Schwerkraft“. Er starb am 25. März 2024.

Mit Sankai Juku ist auch der tragischste Abend der Butoh-Geschichte verbunden. Am 10. September 1985 riss in Seattle bei einer Performance, in der die Tänzer an Seilen hingen, eines der Seile. Der Tänzer Yoshiyuki Takada kam dabei ums Leben.

Carlotta Ikeda gründete 1974 gemeinsam mit Ko Murobushi die Frauenkompanie Ariadone. Sie lebte später in Bordeaux und starb 2014. Ko Murobushi zeigte 1978 in Paris „Le Dernier Eden“, das als erste Butoh-Kreation in Europa gilt, und starb 2015.

Min Tanaka gründete 1985 die Body Weather Farm. Er nennt seine Arbeit heute selbst nicht mehr Butoh. Viele kennen ihn aus Wim Wenders‘ Film „Perfect Days“ von 2023, in dem er einen Obdachlosen spielt. Für Min Tanaka zeigt sich Butoh gerade in seiner Undefinierbarkeit.

Yoshito Ohno, der Sohn von Kazuo Ohno, tanzte schon bei Kinjiki und blieb dem Butoh sein Leben lang verbunden. Er unterrichtete im Studio seines Vaters und starb im Januar 2020.

Die Geschichte des Butoh-Tanzes in vier Etappen

Wer die vielen Namen und Jahreszahlen ordnen möchte, findet hier die Geschichte des Butoh-Tanzes noch einmal kompakt, aufgeteilt in vier Etappen von der Geburt der Gründer bis zu den Filmen der letzten Jahre.

1906 bis 1959: die Vorgeschichte

Kazuo Ohno kommt am 27. Oktober 1906 in Hakodate zur Welt und sieht 1926 die Tänzerin Antonia Mercé, genannt „La Argentina“. Tatsumi Hijikata wird am 9. März 1928 in Akita geboren. 1949 gibt Kazuo Ohno seine ersten Soloabende, im Publikum sitzt Tatsumi Hijikata. Zehn Jahre später zeigt Tatsumi Hijikata „Kinjiki“ nach Yukio Mishima, die Geburtsstunde des Butoh.

1961 bis 1977: die Jahre der Gründer

1961 gibt Tatsumi Hijikata der Bewegung den Namen Ankoku Butoh-ha, vier Jahre später erscheinen Antonin Artauds Theatertexte auf Japanisch. 1968 folgt sein Solo „Nikutai no hanran“, die Rebellion des Körpers. Den Abschluss dieser Phase bildet 1977 „La Argentina Shō“, mit dem Kazuo Ohno im Alter von 71 Jahren international bekannt wird.

1972 bis 1987: Butoh geht in die Welt

Akaji Maro gründet 1972 Dairakudakan, 1974 entsteht die Frauenkompanie Ariadone von Carlotta Ikeda und Ko Murobushi, 1975 folgt Sankai Juku von Ushio Amagatsu. 1978 zeigt Ko Murobushi in Paris die erste Butoh-Kreation Europas, 1980 treten Sankai Juku und Kazuo Ohno beim Festival in Nancy auf. 1985 gastiert Ariadone beim Sommertheater auf Kampnagel in Hamburg, im selben Jahr gründet Min Tanaka die Body Weather Farm. Tatsumi Hijikata stirbt am 21. Januar 1986, während in Berlin die große Gastspielreihe im Künstlerhaus Bethanien läuft. 1987 entsteht in Westberlin die Gruppe „tatoeba Danse Grotesque“.

1992 bis heute: Butoh nach den Gründern

Tadashi Endo gründet 1992 in Göttingen sein Zentrum MAMU, 1995 findet auf Schloss Bröllin das erste Butoh-Festival statt. Kazuo Ohno tanzt 2007 zu seinem 100. Geburtstag ein letztes Mal und stirbt am 1. Juni 2010 mit 103 Jahren. Im Kino erreicht der Butoh-Tanz 2008 mit Doris Dörries „Kirschblüten Hanami“ ein großes Publikum, 2023 folgen „Perfect Days“ mit Min Tanaka und „Invisible People“ von Alisa Berger. Am 25. März 2024 stirbt Ushio Amagatsu, der Gründer von Sankai Juku.

Butoh, Noh und Ausdruckstanz im Vergleich

Drei Bühnenkünste tauchen in der Geschichte des Butoh-Tanzes immer wieder auf. Ein kurzer Vergleich zeigt, wo sie sich berühren und wo sie weit auseinanderliegen.

Noh: die strenge Form

Das Noh entstand im 14. Jahrhundert in Japan und wurde von Kan’ami und Zeami geprägt. Seine Bewegungen sind streng festgelegt und werden seit Jahrhunderten überliefert, die Darsteller spielen mit Masken von neutralem Ausdruck. Die Zeit folgt dem Prinzip Jo-ha-kyū mit langsamem Beginn und schnellem Ende, der Weg auf die Noh-Bühne führt über eine Ausbildung von vielen Jahren.

Ausdruckstanz: die innere Freiheit

Der Ausdruckstanz entstand in den 1920er Jahren in Deutschland, verbunden mit Mary Wigman, Harald Kreutzberg und Valeska Gert. Er befreite den Tanz von festen Schritten und suchte die Bewegung im inneren Erleben. Gelernt wurde er in Schulen und Studios und japanische Schülerinnen und Schüler brachten ihn von dort zurück nach Japan.

Butoh: die Verwandlung

Der Butoh-Tanz entstand 1959 in Japan durch Tatsumi Hijikata und Kazuo Ohno. Er kennt keine feste Form und entwickelt jede Bewegung aus inneren Bildern, oft mit weiß bemalten Körpern und in extremer Langsamkeit. Gelernt wird er in Workshops, die allen offenstehen und zu keinem Abschluss führen.

Wie Butoh aussieht

Kaum eine Bühnenkunst ist so schnell zu erkennen. Wer einmal einen weiß bemalten Körper in extremer Zeitlupe gesehen hat, vergisst das Bild nicht. Dabei waren viele dieser Merkmale anfangs gar nicht festgelegt. Laut englischer Wikipedia verdichteten sie sich erst ab den 1980er Jahren zu einem erkennbaren Stil.

Expressiver Butoh-Auftritt, eine Person mit rotem Irokesen, grüner Augenschminke und weiß geschminktem Gesicht, in rotes Samttuch gehüllt vor dunkler Bühne
Weiß geschminkt, der Blick geweitet: Butoh-Ästhetik bei einem Auftritt am Artrium.

Zu den typischen Zeichen gehören die Ganzkörperbemalung in Weiß, manchmal auch in Dunkel oder Gold, dazu Nacktheit und rasierte Köpfe. Hinzu kommen gekrümmte Hände wie Krallen, verdrehte Augen und ein stummer Schrei. Die Beine stehen oft weit gebeugt, Tatsumi Hijikata sprach von O-Beinen und Krabbenbeinen. Eine der bekanntesten Techniken ist die Beshimi Kata, bei der der Körper bebt, die Augen sich verdrehen, die Zunge herausgestreckt wird und sich das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verzerrt.

Wieso sind Butoh-Tänzer weiß geschminkt?

Die weiße Bemalung löst die persönliche Erscheinung auf. Der Mensch auf der Bühne wird zu einer Fläche, auf der Bilder entstehen können. Oft wird sie als Erinnerung an Asche oder an den Tod gedeutet. Eine feste Regel ist sie allerdings nicht, denn Butoh kennt keine verbindlichen Regeln.

Wieso bewegen sich Butoh-Tänzer so langsam?

Langsamkeit macht jede kleinste Veränderung sichtbar, für dich selbst und für das Publikum. Wer sich extrem verlangsamt, kann nicht mehr auf gewohnte Muster zurückgreifen und muss jeden Moment neu finden. Gleichzeitig verlangt das eine enorme Körperkontrolle, die englische Wikipedia spricht deshalb von hyperkontrollierter Bewegung.

Wie Butoh arbeitet: Butoh-fu, innere Bilder und Verwandlung

Das Herz der Butoh-Arbeit liegt in der Vorstellungskraft. Du stellst dir ein Bild so genau vor, dass dein Körper davon bewegt wird. Ein Faden zieht dich am Kopf nach oben, Insekten krabbeln über deine Haut, du gehst auf Rasierklingen. Die englische Wikipedia beschreibt genau solche Übungen und fasst ihr Prinzip in einem Gedanken zusammen: Der Körper wird bewegt.

Darstellerin mit einem Fächer aus Papier, auf Gesicht und Kostüm fällt ein grünes Lichtmuster aus einer Projektion
Verwandlung durch Bilder: Butoh-Arbeit im Ensemble des Artriums.

Was ist Butoh-fu?

Butoh-fu ist die Bildsprache, mit der Tatsumi Hijikata seine Choreografien festhielt. Er schrieb poetische und oft surreale Bilder auf, die der Körper umsetzen soll, und ersetzte damit die übliche Notation von Schritten. Das „fu“ wird mal mit Notation, mal mit Wort übersetzt, beides beschreibt aber dasselbe Prinzip.

Aus dieser Arbeit entsteht die typische Verwandlung, bei der du zu einem Stein, einer Blume, einem Tier oder einem sehr alten Menschen wirst. Unsere Workshop-Seite beschreibt Butoh als Ritual der Transformation, in dem der Körper zur leeren Hülle wird. Für viele, die das zum ersten Mal erleben, ist das überraschend körperlich. Die Vorstellung geht direkt in Haltung, Atem und Muskeln.

Im Butoh gibt jede Lehrerin und jeder Lehrer eigene Bilder und Übungen weiter. Schon Tatsumi Hijikata und Kazuo Ohno haben das unterschiedlich gelöst und ihre Schülerinnen und Schüler haben daraus wieder eigene Wege gemacht. Diese Vielfalt gehört zum Wesen des Butoh-Tanzes und macht jede Begegnung mit einer neuen Lehrerin zu einer eigenen Entdeckung.

Butoh-Tanz zum Ausprobieren: drei Bilder für zu Hause

Lesen ist das eine, im eigenen Körper spüren das andere. Die folgenden drei Übungen greifen Bilder auf, wie sie in der Butoh-Arbeit seit Tatsumi Hijikata verwendet werden. Du brauchst dafür nur etwas Platz, bequeme Kleidung und zehn Minuten Ruhe. Nimm dir für jedes Bild Zeit und lass die Bewegung so langsam werden, wie es dir gerade noch möglich erscheint.

Der Faden am Kopf. Stell dich aufrecht in den Raum, schließ die Augen und spüre einen feinen Faden, der oben an deinem Scheitel befestigt ist und dich ganz langsam nach oben zieht. Lass den Faden die ganze Arbeit machen, bis sich deine Wirbelsäule aufrichtet, die Fersen sich vielleicht vom Boden lösen und dein Atem flacher oder tiefer wird. Achte darauf, wann dein Wille dazwischenfunkt, und gib die Führung wieder an das Bild zurück.

Insekten auf der Haut. Bleib im Stehen und lass das Bild entstehen, dass winzige Insekten an deinen Unterschenkeln hinaufkrabbeln. Sie kommen langsam höher, über die Knie, die Hüften, den Rücken. Dein Körper antwortet von selbst mit kleinen Zuckungen, Verschiebungen und einer veränderten Spannung. Wenn das Bild klar genug ist, entsteht Bewegung, die du dir so nie ausgedacht hättest.

Gehen auf Rasierklingen. Geh einige Schritte durch den Raum und nimm an, der Boden bestehe aus scharfen Klingen. Jeder Schritt wird zu einer Entscheidung, das Gewicht verlagert sich millimeterweise, die Fußsohle tastet. Hier spürst du besonders deutlich, wie Langsamkeit aus Vorsicht und Wahrnehmung entsteht.

Diese Übungen öffnen dir eine erste Tür, die Anleitung durch erfahrene Lehrende ist der nächste Schritt. Wenn du bemerkst, wie stark ein einziges Bild deinen Körper verändert, hast du das Grundprinzip des Butoh bereits erlebt.

Butoh und Noh: zwei japanische Bühnenkünste

Wer sich mit Butoh beschäftigt, landet früher oder später beim Noh. Das Noh-Theater entstand im 14. Jahrhundert, geformt von Kan’ami und seinem Sohn Zeami. Es ist hoch stilisiert, mit Masken, festgelegten Bewegungen und einer Ausbildung über viele Jahre. Auf den ersten Blick wirkt es wie der Gegenpol zum Butoh.

Tatsumi Hijikata wollte sich ausdrücklich auch von der Tradition des Noh lösen. Ein Programmheft von Kampnagel in Hamburg, das die Wikipedia zitiert, nennt Butoh eine ketzerische Verarbeitung von Nō und Kabuki. Was beide verbindet, ist die Reduktion auf das Wesentliche und eine Bühnenzeit, die sich anders anfühlt als im westlichen Theater.

Besonders gut zeigt sich diese Verbindung an einem Begriff: Ma bezeichnet im Japanischen den Zwischenraum, räumlich wie zeitlich. Der Butoh-Tänzer Tadashi Endo nannte seine Arbeit Butoh-MA. Begriffe aus dem Noh wie Yūgen, die geheimnisvolle Schönheit, oder Jo-ha-kyū, das Prinzip aus langsamem Beginn, Steigerung und schnellem Ende, lassen sich im Butoh wiedererkennen. Das ist unsere eigene Einordnung, einen direkten Beleg aus der Butoh-Geschichte gibt es dafür nicht.

Butoh in Deutschland und Hamburg

Nach Deutschland kam Butoh in den 1980er Jahren. 1986 zeigte das Künstlerhaus Bethanien in Berlin im Rahmen des Theatertreffens eine große Gastspielreihe. Ein Jahr später gründeten Minako Seki, Yumiko Yoshioka und Delta RA’i in Westberlin die Gruppe „tatoeba Danse Grotesque“. Später zogen die Künstler nach Schloss Bröllin, wo seit 1995 ein internationales Butoh-Festival stattfindet, heute unter dem Namen BIG.

Eine zentrale Figur der deutschen Szene war Tadashi Endo, der 1947 in Peking geboren wurde, 1989 Kazuo Ohno begegnete und 1992 in Göttingen sein Zentrum MAMU gründete. Er starb im Mai 2025 und hinterließ eine ganze Generation von Schülerinnen und Schülern. Daneben arbeiten Künstlerinnen und Künstler wie Sabine Seume in Düsseldorf sowie Yvonne Pouget und Stefan Maria Marb in München mit Butoh.

Auch Hamburg hat eine eigene Butoh-Geschichte, denn beim Sommertheater 1985 auf Kampnagel gastierte die Compagnie Ariadone von Carlotta Ikeda, das Programmheft dieses Abends wird bis heute zitiert. Der Hamburger Filmemacher und Fotograf Peter Sempel begleitete Kazuo Ohno fast ein Vierteljahrhundert mit der Kamera. 2004 entstand daraus sein Filmporträt „Kazuo Ohno: I Dance Into the Light“.

Butoh im Film

Viele Menschen begegnen dem Butoh-Tanz zuerst im Kino. In Doris Dörries Film „Kirschblüten Hanami“ von 2008 spielt der Butoh-Tanz eine wichtige Rolle. Die Hauptfigur reist nach Japan, weil ihre verstorbene Frau eine heimliche Leidenschaft für Butoh hatte. In „Perfect Days“ ist Min Tanaka zu sehen und der Dokumentar- und Experimentalfilm „Invisible People“ von Alisa Berger porträtiert 2023 Butoh-Tänzerinnen und -Tänzer.

Butoh heute: wo die Kunst weiterlebt

Mehr als sechzig Jahre nach Kinjiki ist der Butoh-Tanz eine weltweite Kunst mit Zentren in Japan, Frankreich, Deutschland und den USA. In Kyoto gibt es mit dem Kyoto Butoh-kan ein eigenes Haus für Butoh, Sankai Juku entwickelt seine Arbeiten weiterhin mit dem Théâtre de la Ville in Paris.

In Deutschland trifft sich die Szene regelmäßig auf Schloss Bröllin. Dort fand im August 2026 ein kleineres Treffen statt, das nächste große Butoh International Gathering ist für 2028 angekündigt. Daneben leben viele kleine Gruppen, freie Künstlerinnen und Künstler und Workshops, in denen Menschen ohne jede Vorerfahrung den Butoh-Tanz für sich entdecken. Seit dem Tod der Gründer gibt es keine zentrale Instanz mehr, die festlegt, was Butoh ist, und genau das hält ihn lebendig.

Was Schauspielende aus dem Butoh mitnehmen

Du fragst dich vielleicht, was ein japanischer Tanz der Finsternis mit Schauspiel zu tun hat. Tatsächlich eine ganze Menge, denn im Butoh erlebst du, dass eine Bewegung erst dann wahr wirkt, wenn sie aus einem Bild oder einer Situation entsteht. Diese Erfahrung nimmst du in jede Szene mit.

Am Artrium verbinden wir westliche Schauspielmethoden mit östlichen Arbeitsweisen, von Konstantin Stanislawski und Lee Strasberg bis zu Noh, Butoh und Zen. Ein Grundsatz unserer Arbeit lautet „Der Eindruck ist der Ausdruck“. Die Figur bewegt sich aus äußeren Umständen und Butoh macht dieses Prinzip im Körper sichtbar. Vier Berührungspunkte stehen dabei im Mittelpunkt.

Die Leerheit erlebst du als gefüllten Raum, in dem alles möglich wird. Die Radikalität führt dich über dein sicheres Können hinaus, denn das Publikum spürt jede Zurückhaltung. In der Beziehung spiegeln Darsteller, Raum und Publikum einander, dein Inneres antwortet auf die Außenwelt. Bei der Form schließlich bleibt entscheidend, dass die Bewegung aus einer ehrlichen Quelle kommt, ob improvisiert oder choreografiert.

Zuerst spürst du die Langsamkeit als Widerstand, dann als Ruhe, schließlich sogar als Freiheit. Wer das einmal im eigenen Körper erlebt hat, spielt anders.

Butoh am Artrium: der Workshop „BUTOH PURE“

Am Artrium in Hamburg-Altona bieten wir einen eigenen Butoh-Workshop an. „BUTOH PURE“ ist ein Wochenende mit drei Tagen intensiver Körper- und Bewusstseinsarbeit. Du gehst auf ein Abenteuer zwischen Traum und Bewegung, zwischen Licht und Dunkelheit, und arbeitest dabei im Team des Artrium-Ensembles.

Mehrere Darstellende beugen sich mit angespannten Gesichtern in einer gemeinsamen Bewegung nach vorn
Gemeinsame Bewegung im Butoh-Workshop am Artrium.

Für wen ist der Butoh-Workshop gedacht?

Der Workshop richtet sich an Schauspielerinnen und Schauspieler, Tänzerinnen und Tänzer sowie Künstlerinnen und Künstler, die sich auf eine tiefe körperliche und geistige Erfahrung einlassen wollen. Du brauchst dafür vor allem die Offenheit, gewohnte Grenzen zu verlassen, Vorkenntnisse im Butoh sind dafür keine Voraussetzung.

Die drei Tage bauen aufeinander auf und beginnen am ersten Abend ruhig. Du kommst an, lernst das Ensemble kennen und näherst dich Butoh behutsam über Bewegungs- und Wahrnehmungsarbeit. Am zweiten Tag folgen zwei intensive Einheiten, in denen du an Leerheit, Langsamkeit und Präsenz arbeitest und radikale körperliche Ausdrucksformen erforschst. Am dritten Tag münden die Erfahrungen in einen gemeinsamen szenischen Prozess mit dem ganzen Ensemble.

Geleitet wird der Workshop von Lukas Scheja gemeinsam mit Ensembleschauspielerinnen und Ensembleschauspielern des Artriums. Lukas Scheja ist Schauspieler, Regisseur und künstlerischer Leiter der Schule. Er verbindet westliche und östliche Arbeitsweisen zu einem poetischen Realismus. Neben seinen Schauspielausbildungen in Rom und Los Angeles prägen ihn seine Praxis im Zen, in der tibetischen Meditation und sein Schwarzgurt im Gōjū Ryū Karate Dō.

Mitbringen solltest du bequeme Kleidung, ein kleines Handtuch und ein Notizbuch für eigene Aufzeichnungen. Gearbeitet wird barfuß oder in dunklen Socken, die Teilnahme kostet 280 Euro, die aktuellen Termine findest du auf der Workshop-Seite. Der Butoh-Workshop gehört zu den offenen Formaten unserer Seminarakademie, die du unabhängig von einer Ausbildung besuchen kannst.

Kann ich Butoh ohne Tanzerfahrung lernen?

Ja, der Butoh-Tanz setzt keine Tanztechnik voraus und weil die Bewegung aus inneren Bildern entsteht, ist dein Körper so, wie er ist, das richtige Material. In den Workshop kommen Menschen aus dem Schauspiel, aus dem Tanz und aus anderen Künsten. Wichtiger als Technik ist die Bereitschaft, dich auf Langsamkeit und Stille einzulassen.

Teilnehmende der vergangenen Jahre erzählen von tiefer Ergriffenheit und davon, dass sie ihre eigene Stille wiederentdeckt haben. Vielleicht ist das der schönste Gedanke, den Butoh dir mitgibt. Wer sich verwandeln lässt, findet zu sich selbst.

Butoh am Artrium: alle Beiträge zum Thema

Dieser Beitrag ist der Ausgangspunkt für alles, was du bei uns zum Butoh findest. Der Beitrag zum Noh-Theater führt dich sechs Jahrhunderte zurück zu den Wurzeln der japanischen Bühnenkunst. Auf der Workshop-Seite erlebst du, wie wir Butoh heute in Hamburg unterrichten.

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Der Butoh-Workshop am Artrium

Drei Tage Körper- und Bewusstseinsarbeit mit Lukas Scheja und dem Ensemble, offen für alle, die Langsamkeit und Stille im eigenen Körper erleben wollen.

Zum Butoh-Workshop

Quellen und Literatur

Wikipedia: Butoh, Tatsumi Hijikata, Kazuo Ōno, Butoh (englisch), Sankai Juku (englisch). Masson-Sékiné und Viala: „Shades of Darkness“. Facharbeit „Butoh & Noh-Theater, Chaos und Ordnung“ von Don Schmidt, Absolvent am Artrium.

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