„Sie haben das Privileg, Tradition und Zukunft miteinander zu verbinden.“ Mit diesem Anspruch trat Stella Adler ihren Schülerinnen und Schülern gegenüber und sie war streng darin. Theater war für sie Teil einer zweitausend Jahre alten Geschichte, auf die sie immer wieder hinwies. Es war ein Mittel, um die Wahrheit zu finden und sie zu verbreiten. Schauspiel hat sie als Berufung verstanden, die einen Menschen ganz in Anspruch nimmt.
In unserem Methoden-Leitfaden steht Stella Adler unter einem Satz, der ihre Schauspieltechnik auf den Punkt bringt. Schauspiel ist Handlung. Dieser Beitrag zeigt, wie wir ihre Lehre in der Ausbildung am Artrium lesen, was sie bei Konstantin Stanislawski gelernt hat und wieso sie mit Lee Strasberg ein Leben lang im Streit lag.
Eine erhabene Auffassung vom Theater
Stella Adler hatte eine erhabene Auffassung vom Theater. Für sie wie für Konstantin Stanislawski muss die Imagination die Führung im Handwerk des Schauspielers übernehmen. Die Schauspielkunst war für sie unlösbar mit einer Philosophie über die Welt verbunden, in der Schauspielerinnen und Schauspieler handeln und an der sie teilhaben. Wer auf der Bühne steht, spricht immer auch über diese Welt.
Ihr Geist war barock und zugleich extravagant. Sie unterrichtete mit Leidenschaft und in einem charismatisch beschwörenden Tonfall. Über das, was sie in ihrer Zeit beobachtete, konnte sie in Zorn geraten. „Eine große Gefahr für uns alle liegt in der politischen Gleichmacherei. Wir sehen heute nichts mehr, was größer werden will. Wir befürchten, dass alles immer weiter abfällt, dünner wird, schmieriger, gewöhnlicher, gleichgültiger. Genau darin liegt die Krise. Wir sind des Menschen überdrüssig.“ In solchen Momenten überkam sie eine überhöhte Wut, verbunden mit Weisheit und einer patriarchalischen Würde.
Für die Arbeit an einer Rolle ist dieser Zorn wichtiger, als er auf den ersten Blick scheint. Stella Adler wollte Schauspielerinnen und Schauspieler, die etwas Großes über den Menschen erzählen und sich mit dem Gewöhnlichen nicht zufriedengeben. Aus dieser Haltung heraus versteht man den Ton vieler ihrer Lektionen.
Wer war Stella Adler?
Stella Adler (1901 bis 1992) war eine amerikanische Bühnen- und Filmschauspielerin und eine einflussreiche Schauspiellehrerin des 20. Jahrhunderts. Sie studierte bei Konstantin Stanislawski und gründete 1949 in New York ihre eigene Schule. Zu ihren Schülern gehörten Marlon Brando, Robert De Niro und Christoph Waltz.
Von der jiddischen Bühne in das Group Theatre
Stella Adler wurde 1901 in New York geboren und stand schon mit fünf Jahren in den Produktionen ihres Vaters auf der Bühne, der am jiddisch-amerikanischen Theater spielte. Von 1920 bis 1930 war sie auf Tournee in den USA, in Europa und in Südamerika. Um 1930 studierte sie neben der Bühnenarbeit am American Laboratory Theatre, das Richard Boleslawski und Maria Ouspenskaya 1925 gegründet hatten. Beide kamen vom Moskauer Künstlertheater und unterrichteten nach einer frühen Phase der Lehre von Konstantin Stanislawski.
1931 begegnete Stella Adler dem Regisseur und Kritiker Harold Clurman, mit dem sie von 1943 bis 1960 verheiratet war. Harold Clurman gründete im selben Jahr mit Cheryl Crawford und Lee Strasberg das Group Theatre in New York. Die Gruppe stützte sich auf die Lehre von Konstantin Stanislawski und führte den Naturalismus ins amerikanische Theater ein. Stella Adler schloss sich ihr im Frühjahr 1931 an. Aus der Arbeit dieser Gruppe entwickelte sich später das Method Acting, dessen Namen Lee Strasberg geprägt hat.
Fünf Wochen als Privatschülerin von Konstantin Stanislawski
In Paris lernte Stella Adler Konstantin Stanislawski persönlich kennen. Danach reiste sie nach Russland, um fünf Wochen lang am Moskauer Künstlertheater als seine Privatschülerin zu studieren. Neben Michael Tschechow und Richard Boleslawski gehört sie damit zu den wenigen, die selbst bei Konstantin Stanislawski gelernt haben.
Im August 1934 kehrte sie mit einer festen Überzeugung nach New York zurück. Lee Strasberg habe die Methode von Konstantin Stanislawski nicht verstanden und falsch interpretiert. Einige Kollegen folgten ihrer Argumentation, unter ihnen Sanford Meisner. Lee Strasberg ließ sich nicht überzeugen und aus dem Gegensatz wurde eine Rivalität, die beide ein Leben lang begleitete. 1935 verließ Stella Adler das Group Theatre wieder und begann, selbst Schauspielunterricht zu geben.
Hat Stella Adler bei Konstantin Stanislawski studiert?
Ja. Stella Adler lernte Konstantin Stanislawski in Paris kennen und studierte danach fünf Wochen lang als seine Privatschülerin am Moskauer Künstlertheater. Neben Michael Tschechow und Richard Boleslawski gehört sie zu den wenigen, die direkt bei ihm gelernt haben. 1934 kehrte sie nach New York zurück.
Die Schule der Schauspielkunst in 22 Lektionen
Ihre Lehre hat Stella Adler in ihrem Buch „Die Schule der Schauspielkunst“ festgehalten. Unser Methoden-Leitfaden fasst sie in 22 Lektionen zusammen. An ihnen lässt sich ablesen, wie eng bei ihr Handwerk und Haltung zusammengehören, und wir haben sie für diesen Beitrag zu fünf Gedanken gebündelt.
Der Schauspieler soll Größe entwickeln
Die erste Lektion beginnt mit einem Widerspruch, den Stella Adler bewusst stehen lässt. „Auf der Bühne geht es nicht um die eigene Person, und doch ist jeder in seiner Urnatur ein Star.“ Der Geist des Schauspielers ist für sie das Wichtigste, weil er dazu befähigen soll, Größe zu entwickeln.
Diese Forderung zieht sich durch die ganze Lehre. In der achtzehnten Lektion nennt sie Schauspieler Aristokraten, denen die wahre Freiheit oft abgeht, die Kunst des großzügigen Denkens. „Wir brauchen einen Geist, der fähig ist, große Ideen aufzunehmen. Unsere Ideen sind größer als das Leben.“ In der zwanzigsten Lektion wird sie noch deutlicher. „Schauspieler sind Kämpfer. Seid stark und vertretet mit Macht eure Geschichten und auch eure Figuren darin. Hört auf, durchschnittlich zu sein.“
Größe und Dienst gehören bei Stella Adler zusammen. „Schauspieler dienen der Profession, niemals sich selbst“, heißt es in der einundzwanzigsten Lektion. Wer so denkt, wächst an der Aufgabe und stellt sich selbst dabei zurück.
Wahrheit liegt in den Umständen
Die zweite Lektion beschreibt, wozu Theater da ist. „Theater ist der Röntgenstrahl seiner Zeit. Es wurde erschaffen, um den Menschen die Wahrheit zu sagen.“ Diese Wahrheit sucht Stella Adler an einem bestimmten Ort. „Wahrheit in der Kunst ist Wahrheit in den Umständen.“ Die alles beherrschende Frage lautet deshalb „Wo bin ich?“
Wer diese Frage ernst nimmt, findet im Ort einer Szene fast alles, was er zum Spielen braucht. „Der Ort sagt uns, wie wir schauspielen können“, heißt es in der sechsten Lektion. „Alles muss mit den Umständen beginnen.“ Auch die Dinge auf der Bühne gehören dazu, denn jedes Requisit hat nach Stella Adler seine eigene Wahrheit und sein eigenes Leben. Eine Tasse, ein Brief oder ein Mantel über der Stuhllehne erzählen, woher eine Figur kommt und was sie gerade vorhat.
Die einundzwanzigste Lektion bringt diesen Gedanken auf eine Formel. „Wo du bist, bestimmt, was du bist, wie du bist und was du sein kannst. Jede Figur hat ihren Garten.“ Kommunikation heißt für Stella Adler deshalb auch, jemand anderen erleben zu lassen, was die gespielte Figur sieht. Das Publikum erlebt die Welt der Figur durch deren Sinne.
Auch die Rechtfertigung einer Handlung liegt in diesen Umständen. Wer seine Imagination dabei nicht spielen lässt, leistet nach der elften Lektion keinen Beitrag. Stella Adler hat daraus einen Satz über den eigenen Wert gemacht. „Die Welt ist wichtig, nicht meine Person. Mein Wert bezieht sich aus dem, was ich tue, und das ist ein Geheimnis von Erfolg.“
Schauspielen heißt handeln
Die dritte Lektion besteht aus einem einzigen Satz. „Schauspielen heißt handeln.“ Gemeint ist das Handeln als Grundeinheit des Spiels. Eine Figur hat ein Ziel und was sie dafür tut, lässt sich proben, wiederholen und verfeinern.
Dafür braucht es ein Handlungsvokabular, wie Stella Adler es in der zehnten Lektion nennt. Sie wollte wahrhaftig sein und echte Handlungen ausführen, an denen nichts vorgetäuscht ist. „Klein wird eine Geschichte nur, wenn der Schauspieler sie dazu macht. Dabei ist das ‚Wie‘ spontan und steckt voller Überraschungen. Es soll keinen Ausweg vor einer Situation geben.“
Die Lektionen davor und danach führen den Gedanken weiter. „Die Seele beteiligt sich, wenn der Körper wahrhaftig ist.“ In der zwölften Lektion steht der Satz, der für die Proben vielleicht am meisten verändert. „Handlungen sind spielbar, Gefühle nicht. Sie kommen von etwas und treten in etwas ein. Requisiten geben Echtheit.“ Eine Handlung kannst du jeden Abend neu ausführen, auch an einem Abend, an dem dir nach nichts zumute ist. Die dreizehnte Lektion verlangt schließlich, den Handlungen Größe zu verleihen, um das Leben auf eine größere Bedeutungsebene zu heben.
Was ist die Stella-Adler-Schauspieltechnik?
Die Stella-Adler-Schauspieltechnik ist ein Weg zur Rolle über Handlung, Imagination und die Umstände des Stücks. Die Figur begründet sich im Stück und in dem, was sie an ihrem Ort tut. Ihre Stimmungen findet die Schauspielerin oder der Schauspieler im Spiel der Partner auf der Bühne.
Vorstellungskraft wächst aus der Bildung in den Künsten
„Aus der Bildung in den Künsten entwickelt sich die Vorstellungskraft der Schauspieler“, sagt die fünfte Lektion. Wer viele Bilder gesehen, viel Musik gehört und viel gelesen hat, kann sich mehr vorstellen. Die achte Lektion fordert außerdem, Handlungen aus unterschiedlichen Perspektiven gleichzeitig zu erlernen. Erfolgreich sind für Stella Adler die Künstler, deren Themen universell sind, und ihre Leitfrage dazu lautet „Welche Bedeutung haben die Dinge für die Welt?“
Am Artrium sprechen wir an dieser Stelle von Imagination. Vorstellungskraft und Fantasie sind meist schwer zu spielen, weil ihre Bilder noch nicht als tatsächlich wahrgenommen werden. Eine Imagination wird so konkret, dass du sie im Raum erleben kannst. Das meint auch Stella Adler, wenn sie von Vorstellungskraft spricht.
Dazu gehören darstellerische Kontrollen, die jede Probe begleiten. „Wir spielen nicht, wir deuten nicht an, wir täuschen nicht vor.“ Ein Werkzeug dafür sind die Tierübungen, die in derselben siebten Lektion stehen. Wer ein Tier beobachtet und seinen Rhythmus in den eigenen Körper holt, merkt schnell, wie wenig sich dabei vortäuschen lässt.
Welche Übungen stärken die Vorstellungskraft nach Stella Adler?
Stella Adler setzte auf Tierübungen, auf darstellerische Kontrollen und auf die genaue Arbeit mit Requisiten. Die Imagination wächst nach ihrer Lehre aus der Bildung in den Künsten. Dazu kommt das Erforschen der Umstände einer Szene, bis Ort, Zeit und Lage für dich ganz konkret geworden sind.
Text, Form und Rhythmus formen die Figur
Die späteren Lektionen führen vom Handeln zur Gestalt der Figur. Die vierzehnte verlangt, den Text zu verstehen und den Ausdruck der Idee mit dem Körper zu begleiten. Nach der fünfzehnten hast du ein Stück unter Kontrolle, sobald du drei miteinander verbundene Ideen darin ausfindig gemacht hast. Wie diese Arbeit am Text konkret aussieht, zeigt unser Beitrag über das Erarbeiten eines Monologs.
Danach geht es um die äußere Form. „Je mehr man etwas dem Publikum zuliebe tut, desto weniger möchte das Publikum es haben“, heißt es in der sechzehnten Lektion über das Einkleiden der Figur. Jedes Kleidungsstück einer Figur soll klar definiert sein, denn die Form erschafft die Figur. Die neunzehnte Lektion setzt hinzu, dass ein Kostüm Präsenz gibt, sobald es real wird. „Kontrolle ist dabei immer interessanter als Emotion, mit Kontrolle werden auch die Worte klar.“
Die siebzehnte Lektion widmet sich dem Rhythmus einer Situation. Jede Zivilisation entwickelt nach Stella Adler eigene Formen, um den Menschen in eine Beziehung zur Welt zu setzen. Nach der vierten Lektion muss ein Schauspieler außerdem robust sein und eine Stimme haben, die den Raum füllt. Was dazu gehört, steht in unserem Beitrag über Stimmtraining.
Die zweiundzwanzigste Lektion verlangt, verschiedene Schichten auf der Bühne zu porträtieren. „Eine Situation ist unbegrenzt tiefgründig und frei in ihrer Zeit.“ Das Thema eines Stückes soll verstärkt werden und eine gute Technik wirkt hintergründig, sobald wir sie verkörpern. Am Ende dieser Lektion steht ein Satz, der nach so viel Anspruch überrascht. „Ein Schauspieler hat ein gebrochenes Herz.“
Seelischer Naturalismus und der Streit mit Lee Strasberg
Indem Stella Adler den seelischen Naturalismus von Konstantin Stanislawski vertrat, wurde sie zu einer sehr einflussreichen und hochdotierten Schauspiellehrerin des 20. Jahrhunderts. Ihre Auslegung des Method Acting wich so weit von der Lee Strasbergs ab, dass einige ihrer Schüler ihren Arbeitsstil gar nicht mit diesem Namen in Verbindung bringen wollten.
Lee Strasberg arbeitete im Actors Studio vor allem mit Stars, die er selbst einlud und die schauspielerisch schon weit fortgeschritten waren. Er hielt diese Schauspielstars dazu an, für eine überzeugende Darstellung in ihren privaten Erinnerungen zu forschen. Diese „technique of substitution“ gehört zum Method Acting, wie Lee Strasberg es lehrte. Nach der Überzeugung von Stella Adler geraten Schauspieler damit in eine zwiespältige Lage, weil sie gleichzeitig über das eigene Leben nachdenken und eine fremde Person verkörpern. Sie legte ihren Schülern nahe, eher die Stimmungen zu nutzen, die ihnen die anderen Schauspieler auf der Bühne anbieten.
Ihre Haltung stützte sich auf einen Satz, den Konstantin Stanislawski sie gelehrt hatte. „Die Quelle des Schauspiels ist Imagination, und der Schlüssel zu seinen Problemen ist Echtheit. Echtheit liegt in den Umständen eines Stücks.“ Nach dem Tod von Lee Strasberg sagte Stella Adler über ihn „Dieser Mann hat das amerikanische Theater um 100 Jahre zurückgeworfen.“ Das ist polemisch und zeigt doch, wie grundsätzlich die Frage für sie war, woher ein Schauspieler sein Material nimmt.
Eine weitere Antwort auf dieselbe Frage gab Sanford Meisner, der Stella Adler 1934 im Streit mit Lee Strasberg gefolgt war. Er richtete die ganze Aufmerksamkeit auf den Spielpartner und den Vorgang der Kommunikation, nachzulesen im Beitrag über die Meisner-Technik. Michael Tschechow wiederum fand seinen Weg über die psychologische Geste und subtile Bilder.
Wie unterscheidet sich Stella Adler von Lee Strasberg?
Lee Strasberg forschte mit Schauspielern in ihren privaten Erinnerungen, um eine Rolle überzeugend zu spielen. Stella Adler suchte das Material in der Imagination, in den Umständen des Stücks und in den Stimmungen der Partner auf der Bühne. Beide beriefen sich auf Konstantin Stanislawski und blieben dennoch ein Leben lang Rivalen.
Ihre Schule in New York
Anfang der 1940er Jahre verließ Stella Adler Hollywood und arbeitete am Broadway und in London als Schauspielerin und Regisseurin. Daneben unterrichtete sie am Dramatic Workshop, den Erwin Piscator 1940 an der New School for Social Research gegründet hatte. Erwin Piscator hatte in Berlin gemeinsam mit Bertolt Brecht den Begriff des epischen Theaters geprägt.
1949 gründete Stella Adler ihre eigene Schule, das Stella Adler Theatre Studio. Später erhielt es den Namen Stella Adler Conservatory of Acting, als Stella Adler Studio of Acting besteht es bis heute. Wie weit ihr Unterricht in Theater und Film hineinwirkt, zeigt schon ein Blick auf die Namen ihrer Schülerinnen und Schüler.
Welche Schauspieler haben bei Stella Adler gelernt?
Zu den Schülern von Stella Adler gehörten Marlon Brando, Warren Beatty, Harvey Keitel, Martin Sheen, Robert De Niro und Christoph Waltz. Zu ihren ersten Schülern nach der Rückkehr aus Moskau zählten Sanford Meisner und Robert Lewis. Ihre Schule in New York besteht bis heute.
Stella Adler in unserem Methoden-Leitfaden
Für die Ausbildung am Artrium haben wir einen Leitfaden zu den grundlegenden Schauspielmethoden zusammengestellt, der durch siebzehn Wege der Schauspielkunst führt. Stella Adler steht darin als sechstes Kapitel, direkt nach Konstantin Stanislawski und vor Lee Strasberg. Diese Stelle passt zu ihr, denn sie hat die Gedanken von Konstantin Stanislawski aus erster Hand nach Amerika gebracht.
In der Schauspielausbildung beziehen wir uns direkt und in besonderer Weise auf Konstantin Stanislawski und sein Verständnis der darstellenden Kunst. Die Frage „Wo bin ich?“ führt mitten in dieses Verständnis hinein. Sie öffnet eine Szene über den Ort, die Handlung und die Lage einer Figur.
Über Umstände zu lesen, hat eine natürliche Grenze. Sie zeigt sich, sobald du selbst in einem Raum stehst und ihn als Ort einer Figur begreifst. Unsere Probenräume liegen in einem denkmalgeschützten Backsteinbau von 1891/92 und ein solcher Raum bringt seine eigene Geschichte schon mit. Zuerst siehst du die Tür, dann den Mantel auf dem Stuhl und schließlich sogar die Stunde, zu der deine Figur hereinkommt.
Wir erleben staunend mit, wie sich eine Szene verwandelt, sobald eine Figur ihren Ort kennt.
In der Probewoche arbeitest du fünf Tage lang mit unseren Studierenden an Szenen. Wer zuerst einen einzigen Tag erleben möchte, trainiert beim Gasttag mit den Studierenden mit.
Die Reihe zu den Schauspielmethoden
Stella Adler steht in einer langen Linie. Sie beginnt beim antiken Theater des Aristoteles, führt über die Stegreiftruppen der Commedia dell’arte und das elisabethanische Theater Shakespeares zu Konstantin Stanislawski. Aus seinem System gingen in Amerika mehrere Schulen hervor und Stella Adler hat eine davon geprägt. Wie Szenen ganz ohne festen Text entstehen, zeigt der Beitrag über Improvisation im Schauspiel.
Von Aristoteles bis Meisner
Tippe auf eine Station und folge der Linie von der Antike bis in die Probenräume von heute.
Antike, ab 384 v. Chr.
Wo die Verwandlung beginnt
Aristoteles beschreibt als Erster, was ein Stück fesselt. Mimesis, Katharsis und die drei Einheiten von Ort, Zeit und Handlung prägen das Theater bis heute.
Zum Blogbeitrag: Aristoteles16. Jahrhundert, Italien
Masken, Typen, Stegreif
Auf den Marktplätzen Italiens spielen feste Truppen mit Masken und festen Typen. Das Herz ihres Spiels ist die Improvisation.
Zum Blogbeitrag: CommediaSpätes 16. Jahrhundert, London
Die Sprache baut die Bühne
Im elisabethanischen Theater entsteht das Bühnenbild aus der Sprache. Shakespeare schreibt sein Wissen über das Schauspiel direkt in die Rollen hinein.
Zum Blogbeitrag: ShakespeareUm 1900, Moskau
Aus Erfahrung wird ein System
Konstantin Stanislawski ordnet das Erfahrungswissen zum ersten Mal zu einem System der Schauspielkunst. Am Artrium beziehen wir uns in besonderer Weise auf ihn.
Zum Blogbeitrag: StanislawskiAb 1911, Moskau
Die Geste hinter der Figur
Michael Tschechow lernt bei Stanislawski und findet einen eigenen Weg. Mit der psychologischen Geste bekommt der Grundimpuls einer Figur einen körperlichen Ausdruck.
Zum Blogbeitrag: TschechowAb 1926, Berlin
Die Figur wird gezeigt
Bertolt Brecht prägt mit Erwin Piscator den Begriff des epischen Theaters. Mit dem Verfremdungseffekt bildet er die Gegenbewegung zu Stanislawski.
Zum Blogbeitrag: BrechtAb 1931, New York
Erinnerung als Werkzeug
Im Group Theatre entwickelt Lee Strasberg aus Stanislawskis System das Method Acting. Anfang der 1950er Jahre wird es mit Marlon Brando weltberühmt.
Zum Blogbeitrag: StrasbergAb 1934, New York
Schauspiel ist Handlung
Stella Adler lernt bei Konstantin Stanislawski und bringt den seelischen Naturalismus nach New York. Handlung, Umstände und Imagination stehen im Zentrum ihrer Technik.
Um diese Station geht es in diesem Beitrag.
Ab 1935, New York
Zuhören wird Handwerk
Sanford Meisner macht das Zuhören zum Handwerk. Seine Wiederholungsübung richtet die ganze Aufmerksamkeit auf den Menschen gegenüber.
Zum Blogbeitrag: MeisnerDurch alle Epochen
Der Faden durch die Geschichte
Improvisation beginnt im antiken Theater und wird bei den Stegreiftruppen der Renaissance zur eigenen Kunst. Im Unterricht ist sie bis heute festes Handwerk.
Zum Blogbeitrag: Improvisation